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Ehrlich und effizient – die Energie-Strategie für Deutschland
Einleitung
Von Katherina Reiche, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie
In zehn Jahren werden wir zurückblicken. Entweder auf ein Land, das seine Industrie verloren hat – oder auf ein Land, das Klimaschutz und Wohlstand vereint. Die Entscheidung fällt jetzt. In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche: „Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt.“
Hier finden Sie den vollständige Gastbeitrag, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde:
Wir erleben eine der schwersten Energiekrisen der Geschichte. Seit Beginn des Iran-Krieges und der Schließung der Straße von Hormus sind die Preise für Öl, Flüssiggas und Diesel in empfindliche Höhen geschnellt. Das belastet Verbraucher wie Unternehmen und kostet uns Wirtschaftswachstum, das Deutschland so dringend braucht.
Viele fordern deshalb den sofortigen Ausstieg aus Öl und Gas. Man müsse nur Wind- und Solarenergie schneller ausbauen – und die Sache wäre gelöst.
Nun, so einfach ist das nicht.
Zur Faktenlage: Deutschland hat einen Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden für Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse. Ein knappes Sechstel entfällt auf Strom, mehr als die Hälfte davon kommt aus Erneuerbaren Energien. Der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel.
Jahrelang haben wir uns mit ehrgeizigen Zielen beruhigt. 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren bis 2030, Klimaneutralität bis 2045 – schöne Zahlen, die unser schlechtes Gewissen besänftigen. Aber während wir uns an diese Ziele klammerten, explodierten die Strompreise. Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde – gut 9 Cent über dem EU-Durchschnitt. Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich.
Ja, Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Das Gesamtsystem aber sehr wohl: EEG-Kosten, Kapazitätsreserve, Netzreserve, Redispatch-Kosten, Netzsubventionen, Subventionen für die Senkung der Energiepreise – all das summiert sich auf Systemkosten von über 36 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind 430 Euro für jeden Deutschen.
Fast drei Milliarden Euro zahlen wir allein dafür, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können. Es gibt keine andere Industrie, die eine über 20 Jahre garantierte Finanzierung erhält und sogar dann Entschädigung kassiert, wenn ihr Produkt nicht gebraucht wird.
Das kann so nicht weitergehen. Die Branche der Erneuerbaren ist erwachsen geworden und muss jetzt Verantwortung übernehmen – systemisch und finanziell. Bis 2035 steigen die Systemkosten auf 90 Milliarden Euro pro Jahr. Das Problem ist strukturell: Wir haben 20 Gigawatt gesicherte, CO₂-arme Kernkraft abgeschaltet. Dazu kommen massive, politisch getriebene Netzinvestitionen und ein Marktdesign, das die Realität ignoriert.
Eine Tatsache wurde zu lange verschwiegen: Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt.
Deutschlands natürliche Gegebenheiten setzen Grenzen: begrenzte Gasvorkommen, die nicht einmal in der Krise genutzt werden sollen, begrenzte Wasserkraft, viel weniger Sonne als Südeuropa, große Entfernungen zwischen Erzeugung und Verbrauch. Die neue industrielle Revolution – KI, Rechenzentren, elektrifizierte Industrie – braucht aber große Mengen preiswerten Stroms. Wenn wir den nicht liefern, verlieren wir Investitionen, Innovation und Souveränität.
Deshalb arbeiten wir an einem Netzanschlusspaket, das die Verantwortung neu verteilt. Wer in überlasteten Netzgebieten eine Anlage anschließen will, muss sich an den Kosten beteiligen oder das Risiko tragen, dass der Strom nicht immer eingespeist werden kann. Strom, der wegen Netzüberlastung abgeregelt werden muss, darf nicht mehr von der Allgemeinheit bezahlt werden. Das ist keine Blockade. Das ist faire Lastenverteilung.
Die Netzbetreiber müssen heute quasi auf Zuruf überall Leitungen verlegen, wo erneuerbare Energien angeschlossen werden wollen. Während aber Solarparks in zwei bis drei Jahren entstehen, dauert der Netzausbau bis zu zehn Jahre. Wir müssen den Ausbau regional steuern, sonst produzieren wir teuren Strom, den niemand nutzen kann.
Das 80-Prozent-Ausbauziel für Erneuerbare bleibt. Auch der Anschlussvorrang für Erneuerbare bleibt. Aber der Ausbau muss ökonomisch effizient erfolgen. Wir brauchen keine Überkapazitäten, die subventioniert ins Ausland exportiert werden, während im Inland die Preise steigen.
Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Ich stehe hinter der Energiewende. Die Erneuerbaren werden das Rückgrat unserer Stromversorgung sein. Sie sind es schon heute zum großen Teil. Aber ich bin auch Realistin. Klimaschutz ohne Bezahlbarkeit ist politisch nicht tragfähig. Und Klimaschutz ohne Versorgungssicherheit ist strategisch blind.
Wir dekarbonisieren – aber nicht durch Deindustrialisierung. Wir modernisieren – aber nicht durch Überlastung von Haushalten und Unternehmen.
Wir brauchen gesicherte Kraftwerkskapazitäten, Speicher und ein Marktdesign, das Zuverlässigkeit ebenso belohnt wie Ambition. Wir brauchen einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt und mehr direkte Abnahmeverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern.
Auch wenn wir es gerne anders hätten: wir brauchen weiterhin Gas. Für Prozess- und Raumwärme sowie als Rohstoff. Und für jenen Teil der Stromversorgung, der nicht aus Erneuerbaren gedeckt werden kann. Deshalb schließen wir langfristige Lieferverträge mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko ab. Europa ist verwundbar, weil wir Flüssiggas zu sehr über den Spotmarkt beziehen. Das ändern wir.
Zudem setzen wir auf Innovationen: auf Durchbrüche bei Energiespeichern, Materialwissenschaften und Energieeffizienz. Künstliche Intelligenz wird unser Energiesystem effizienter steuern. Wir erlauben erstmals CO₂-Abscheidung und -Nutzung. Wir fördern Fusionskraftwerke. Deutsche Startups konkurrieren international darum, das erste Fusionskraftwerk der Welt zu bauen. Und selbst die traditionelle Kerntechnik erlebt bemerkenswerte Durchbrüche. Neue Reaktoren sind kleiner, modular und sicherer. 16 EU-Mitgliedsstaaten investieren hier bereits gemeinsam.
Deutschland steht nicht vor der Wahl zwischen Energiewende und industrieller Stärke. Aber es muss sich zwischen ernsthafter Politik und Selbsttäuschung entscheiden.
Meine Aufgabe ist es, die Energiekosten zu senken. Das geht nicht, wenn ich dauerhaft eine Gruppe zu Lasten anderer bevorzuge.
In zehn Jahren werden wir zurückblicken. Entweder auf ein Land, das seine Industrie verloren hat – oder auf ein Land, das Klimaschutz und Wohlstand vereint. Die Entscheidung fällt jetzt.