Globale Wertschöpfungsketten wurden in den letzten Jahrzehnten zu einem dominanten Merkmal des Welthandels. Sinkende Transportkosten und technologische Innovationen (IKT als Träger einer industriellen Revolution) ermöglichten es Unternehmen, Lieferketten über Länder hinweg aufzuteilen. Dies Teilnahme daran brachte Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette Vorteile in Form signifikanter Produktivitätsgewinne.

Unter dem Schock der COVID-19 Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen ist eine Debatte in Wissenschaft und Politik darüber entstanden, Liefer- und Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger zu machen, zum Beispiel durch die Diversifizierung ihrer Lieferantenbasis oder durch die (Rück-)Verlagerung von Aktivitäten. Die Europäische Kommission hat die Stärkung der Resilienz zu einem festen Bestandteil Ihrer Arbeit erklärt, und mit den strategischen Vorausschauberichten sowie der EU-Industriestrategie 2020 und dem Update 2021 inhaltlich unterfüttert. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass globale Wertschöpfungsketten, wenn sie selbst resilient sind, die Resilienz der beteiligten Unternehmen und Volkswirtschaften fördern. Im überwiegenden Maße, wenn auch auf niedrigerem Niveau, haben diese auch während der bisherigen COVID-19-Krise weiter funktioniert.

Grundsätzlich haben die Unternehmen selbst das größte Interesse daran, ihre Wertschöpfung resilient zu organisieren. Um die richtige Strategie zu finden, sind Informationen über die Lieferkette und die Höhe des Risikos in den verschiedenen Phasen entscheidend. Erfolgreiche Unternehmen verfügen über "Kontrolltürme", die es ihnen ermöglichen, den Fluss der Inputs in Echtzeit zu verfolgen und Störungen zu antizipieren. Digitale Technologien können die Fähigkeit von Unternehmen stärken, Risiken in ihren Liefernetzwerken zu erkennen und darauf zu reagieren.

Unternehmen, die Resilienz gegenüber Robustheit bevorzugen, konzentrieren sich mehr auf die Geschwindigkeit der Wiederherstellung als auf die gänzliche Vermeidung von Störungen. Diese Unternehmen können zum Beispiel langfristige Beziehungen zu einzelnen Lieferanten bevorzugen. Anstatt die Lieferanten zu wechseln und versunkene Kosten zu verursachen, kann die vertrauensvolle Beziehung zu demselben Lieferanten zu höheren Investitionen des Lieferanten führen, um Störungen zu vermeiden oder abzumildern und eine schnelle Wiederherstellung zu gewährleisten.

Eine mögliche Rolle des Staates liegt auch in der Linderung von Informationsasymmetrien. Regierungen könnten Informationen über potenzielle Konzentrationen und Engpässe in vorgelagerten Lieferketten sammeln und austauschen und mit dem Privatsektor zusammenarbeiten, um solche Probleme anzugehen. Diese stünde auch im Zusammenhang mit Investitionen in digitale Technologien, die Informationssysteme für das Risikomanagement verbessern können. Ganz allgemein könnten Plattformen für den Wissensaustausch zur Erleichterung von Diskussionen zwischen Unternehmen, Regierungen und der Zivilgesellschaft dazu beitragen, Best Practices zur Risikominderung und zum Aufbau von Resilienz zu identifizieren. Wie für Banken nach der Finanzkrise 2008 unternommen, bestünde eine weitere Option darin, dass Regierungen Stresstests für bestimmte Lieferketten entwickeln. Hier kann es jedoch nur um wenige Lieferketten gehen, in denen die Abhängigkeit vom Weltmarkt groß ist und keine kurzfristige Substituierbarkeit gegeben ist (aktuelles Beispiel: Chipversorgung KfZ Industrie).