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Als der Zweite Weltkrieg endet, fehlt es Deutschland an so gut wie allem: an Rohstoffen, Arbeitskräften und schließlich auch an Lebensmitteln. Noch deutet nichts auf den raschen und anhaltenden Aufschwung hin, der schon bald als „Wirtschaftswunder“ in die Geschichtsbücher eingehen wird – und seither eng mit der Idee der Sozialen Marktwirtschaft verbunden ist.
Eine Frau kocht an einer offenen Feuerstelle vor einem Notquartier.
Im Jahr 1957 veröffentlicht Ludwig Erhard sein Buch „Wohlstand für alle“. Darin formuliert der Bundeswirtschaftsminister die Vision, dass weite Bevölkerungskreise vom Wirtschaftswachstum profitieren. Erhards Buch erscheint in einer Zeit des Aufschwungs, der bereits vor der Gründung der Bundesrepublik 1949 eingesetzt hat und bis Mitte der 1960er Jahre anhalten wird.
Viele Städter fahren aufs Land, weil dort die Versorgungslage besser ist. In überfüllten Zügen, zu Fuß und mit dem Fahrrad durchstreifen sie Dörfer, um Hausrat, Kleidung oder Wertgegenstände gegen Butter, Speck und Kartoffeln zu tauschen. Das Bild zeigt die Ankunft eines Hamsterzugs.
Im Laufe der 1950er Jahre verdreifacht sich das Bruttosozialprodukt, die Fahrzeugindustrie verfünffacht ihre Produktion – und schließlich herrscht Vollbeschäftigung.
Nur zehn Jahre vorher ging es – statt um die Verteilung eines Wohlstands – um das bloße Überleben: Im Zweiten Weltkrieg hatte fast jede Familie Angehörige verloren, oft auch das Dach über dem Kopf und das gesamte Hab und Gut; Millionen von Flüchtlingen waren unterwegs, es fehlte an Kohle und auch an Nahrungsmitteln. Im Hungerwinter 1946/47 starben allein in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen. Auch die Wirtschaft war nach den Jahren von Krieg und Kriegswirtschaft in desolatem Zustand: Produktionsstätten waren zerstört, viele Rohstoffe knapp, und die Reichsmark war als Währung nahezu wertlos. Auf den florierenden Schwarzmärkten setzten sich Zigaretten als Ersatzwährung durch. Hinzu kam eine enorme Unsicherheit darüber, wie die Zukunft aussehen würde: Würde Deutschland zum Agrarland ohne Großindustrie werden, wie es der Morgenthauplan vorsah? Oder würde die Wirtschaft im Sinne des Marshallplans wieder aufgebaut und in die Weltwirtschaft integriert werden?
Leben in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Als Wirtschaftsminister Erhard 1957 „Wohlstand für alle“ veröffentlicht, ist diese Zeit der Unsicherheit längst überwunden. Die Zweiteilung Deutschlands in eine westliche „Tri-Zone“ und die sowjetische Besatzungszone wird 1949 durch Gründung der beiden deutschen Staaten manifestiert. Mit der Entscheidung für den Marshallplan ist klar: Westdeutschland soll am Wiederaufbau Westeuropas teilhaben und mitwirken. In der Folge entwickelt sich die junge Bundesrepublik zu einem Schaufenster des Kapitalismus, das ganz bewusst in den Osten strahlt.
Deutschland erlebt ein Wirtschaftswunder und die Menschen können sich wieder etwas leisten.
Doch der Marshallplan ist nur einer von mehreren Faktoren, der den ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik in Gang setzt: Die D-Mark sorgt seit der Währungsreform 1948 für funktionierende Märkte und ist das Symbol der neuen ökonomischen Stärke; und eine neue Wirtschaftsordnung verbindet schließlich Wettbewerb, Privateigentum und Gewinnorientierung mit sozialem Ausgleich – sie wird unter dem Schlagwort Soziale Marktwirtschaft bekannt. Wichtige Elemente der neuen Wirtschaftsordnung sind das im Wirtschaftsministerium ausgearbeitete Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen und das Bundesbankgesetz. Bis heute gilt die Soziale Marktwirtschaft weit über Deutschland hinaus als ein Erfolgsrezept für eine an den Menschen und ihren Bedürfnissen orientierte Wirtschaftspolitik und für den Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten.
Und die Deutschen machen Urlaub im Süden mit dem eigenen Auto.