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Sehr geehrter Herr Leibinger,
sehr geehrte Frau Gönner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
eine Frage begleitet mich derzeit in fast allen Gesprächen: Ist Deutschland noch reformfähig? Ist diese Regierung in der Lage, das Ruder herumzureißen? Karl Valentin hat das einmal mit einem Satz seziert, der bis heute sitzt: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab’ ich mich nicht getraut.“ Genau diese deutsche Grundhaltung ist teuer geworden. Denn aus dem „Mögen“ ist längst ein „Müssen“ geworden. Demografischer Druck, strukturelle Wachstumsschwäche, sicherheitspolitische Zeitenwende und die Transformation unseres Energiesystems lassen keinen Aufschub mehr zu.
Aber anders als in früheren Phasen gilt heute auch: Wir können. Die Maßnahmen sind bekannt, die Prioritäten sind benannt. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Reformfähigkeit zeigt sich nicht
darin, dass man die Probleme kennt. Sie zeigt sich darin, dass man sie gegen Widerstände tatsächlich angeht. Deshalb muss aus Valentins resignativer Pointe eine politische Handlungsmaxime werden: Wir dürfen nicht nur – wir müssen. Und ich will nach vorn. Da gehört Deutschland nämlich hin.
Wenn wir über technologische Souveränität sprechen, müssen wir konkret werden. Deutschland und Europa sind in vielen Feldern bereits Weltklasse: in der Polymerforschung, in der Präzisionsoptik, in der Teilchenphysik, in der modernen Geneditierung, in den Ingenieurwissenschaften von der Luft- und Raumfahrt bis zur Green Tech, in erneuerbaren Energiesystemen und in der biomedizinischen Innovation. Aber all diese Felder verbindet heute eine zweite, entscheidende Ebene: Industrial AI. Und Industrial AI ist nicht das nächste Chat-Interface. Es ist der Hebel, mit dem wir aus unserer industriellen Datenbasis Wertschöpfung, Produktivität und Souveränität schaffen.
Denn unsere Stärke ist nicht eine globale Plattformökonomie. Unsere Stärke sind Maschinen, Prozesse, Produktionsketten und industrielle Daten. Genau dort liegt Deutschlands Chance: nicht in der Kopie anderer Geschäftsmodelle, sondern in der Verstärkung unserer eigenen. Die relevanten Daten liegen – außerhalb Chinas – in Europa. In Deutschland. Im Mittelstand. In unseren industriellen Weltmarktführern und ihren Produktionssystemen. Und daraus kann etwas sehr Großes entstehen: aus dem wertvollsten industriellen Datensatz der Welt die leistungsfähigste industrielle Intelligenz.
Der Markt wächst rasant – von rund 44 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf voraussichtlich über 150 Milliarden bis 2030. Noch macht industrielle KI nur einen sehr kleinen Teil der Umsätze aus, aber sie ist bereits heute auf CEO-Ebene strategisch verankert. Die entscheidenden Hebel sind klar: robuste Datenarchitekturen, KI-gestützte Qualitätssicherung, Edge-Anwendungen,
industrielle Copiloten, die Qualifizierung der Belegschaften und erste Schritte hin zu agentenbasierter KI. Ein Satz, den man sich merken sollte: Nicht die Plattformökonomie ist Deutschlands Schicksal. Industrieintelligenz ist Deutschlands Chance.
Wenn es uns gelingt, Energieversorgung, Netzausbau, Recheninfrastruktur, Finanzierung und Standardsetzung konsequent an diesem Bedarf auszurichten, dann kann Industrial AI mehr sein als ein Effizienzwerkzeug. Sie kann zum Stabilitätsanker unseres Wirtschaftsmodells werden – in einer Zeit des demografischen Wandels, der Transformation unseres Energiesystems und wachsender geopolitischer Konkurrenz. Die Frage ist also nicht, ob wir diese Transformation gestalten. Die Frage ist, ob wir sie führen.
Und damit komme ich zum Fundament von allem: zur Energie. Energiepolitik ist keine Randfrage. Sie ist die fundamentale Standortfrage. Ohne bezahlbare Energie gibt es keine industrielle Zukunft. „It all starts with energy“ ist keine hübsche Floskel. Es ist der Ausgangspunkt jeder vernünftigen Wirtschaftspolitik. Dieser Grundsatz wurde in Deutschland zu lange unterschätzt. Denn wenn das Fundament nicht stimmt, wird die Volkswirtschaft brüchig.
Und unser Energiehunger wird wachsen. Kurzfristig hat sich der Strombedarf durch schwächeres Wachstum und geringere Elektrifizierung zwar gedämpft; ich rechne bis 2030 mit etwa 600 bis 620 TWh Stromverbrauch. Aber langfristig wird die Richtung eine andere sein. KI, Rechenzentren, Elektromobilität und Wärmepumpen werden den Strombedarf in eine neue Größenordnung treiben. Allein global wird der Strombedarf von Rechenzentren nach IEA-Projektionen bis 2030 auf rund 945 TWh steigen. In Deutschland kommen die neuen Lasten zusätzlich auf ein System, das schon heute unter Druck steht. Das bedeutet: Wer heute nicht plant, bremst morgen nicht nur die Energiewende. Er bremst auch die industrielle KI-Transformation – und damit genau jene zweite industrielle Chance, die Deutschland jetzt braucht.
Die Antwort auf diesen Energiehunger kann nicht Autarkie sein. Nicht für ein Industrieland wie Deutschland. Strom deckt heute nur einen Teil unseres gesamten Endenergieverbrauchs. Mehr als die Hälfte dieses Stroms kommt zwar bereits aus erneuerbaren Energien – das ist ein echter Erfolg. Aber Strom ist eben nicht alles. Wärme, industrielle Prozesse, Flugverkehr, Schwerlastverkehr und chemische Rohstoffe bleiben die großen anderen Teile unseres Energiesystems. Deshalb ist die Vorstellung einer „all electrical society“ für Deutschland eine Illusion. Wir werden weiterhin in großem Umfang Moleküle brauchen. Und wer Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass hinreichend steuerbare, grundlastfähige Kraftwerke verfügbar sind.
Wir haben den Kohleausstieg aus guten Gründen beschlossen und vollziehen ihn planmäßig. Er ist wichtig für das Erreichen der Klimaschutzziele, zu denen wir uns verpflichtet haben. Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde aus weniger guten Gründen vollzogen: Er erfolgte aus ideologischen Vorbehalten, nicht aus energiewirtschaftlichen oder aus Klimaschutzgründen. Uns fehlen nun die CO2-freien, grundlastfähigen Strommengen.
Die Frage für unser Land ist also nicht: Erdgas oder kein Gas. Die Frage ist: von wem, wie viel, über welche Wege und mit welcher Risikoabsicherung? Die richtige Antwort lautet: Diversifizierung. Nicht Abkopplung, sondern kluge Vernetzung. Nicht neue Abhängigkeit, sondern viele verlässliche Partner.
Denn Energie ist längst geopolitisch geworden. Die Schließung der Straße von Hormus führt uns lehrbuchhaft vor Augen, wie Seewege und Energierouten als machtpolitische Hebel eingesetzt werden. Weaponized interdependence ist keine Theorie mehr, sondern Realität. Wer nur an einem Lieferanten hängt, ist verwundbar. Und wer verwundbar ist, wird erpressbar. Die Erfahrung mit russischem Gas, die Gefahr von Engpässen an der Straße von Hormus oder der chinesische Hebel bei Lieferketten für Solarmodule und Seltene Erden haben das gezeigt.
Die Lehre für uns ist nicht Autarkie. Da die Kernenergie nicht zur Verfügung steht, müssen wir unsere Gasbezugsquellen so breit wie möglich diversifizieren und langfristige Lieferverträge als Absicherung gegen Preissprünge abschließen. Das bedeutet konkret: langfristige LNG-Verträge, etwa mit den USA, Kanada, Angola, Mexiko, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und anderen Partnern; vertiefte Energiepartnerschaften im Nahen Osten, in Zentralasien, in der Türkei, in Nordamerika und Nordafrika; den Ausbau der Importinfrastruktur; eine europäisch gedachte Energieinfrastruktur; und eine stärkere Nutzung der Kostenvorteile eines integrierten europäischen Energiesystems. Versorgungssicherheit für uns ist Absatzsicherheit für andere. Das ist keine Schwäche. Das ist Energiediplomatie.
Aber Diversifizierung löst nur die externe Seite. Sie macht uns unabhängiger von politischen Entscheidungen anderer, löst aber nicht unsere hausgemachten Probleme. Denn selbst mit den besten Lieferanten der Welt bleibt Energie in Deutschland zu teuer, wenn die Systemkosten
unseres Stromsystems weiter steigen.
Und damit komme ich zur zweiten großen Aufgabe: zur Systemintegration. Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz sind keine konkurrierenden Ziele. Sie sind Bedingungen, die gleichzeitig erfüllt werden müssen. Wenn wir eines davon vernachlässigen, scheitert die Energiewende.
Kurzfristig haben wir entlastet: Wir haben die Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß gesenkt, die Gasspeicherumlage abgeschafft, die Übertragungsnetzentgelte deutlich reduziert und die Strompreiskompensation ausgeweitet. Und der Industriestrompreis ist auf dem Weg. Das ist wichtig. Aber es ist vor allem ein Operieren am Symptom. Wenn wir die Strompreise nachhaltig senken wollen, müssen wir an die Systemkosten.
Denn heute geben wir Milliarden Euro zu viel aus, weil Erzeugungs- und Netzkapazitäten nicht zusammenpassen. Wir bezahlen erneuerbaren Strom, der abgeregelt werden muss, weil er nicht transportiert werden kann. Die nächste Stufe der Energiewende heißt deshalb nicht mehr nur Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie heißt Systemintegration.
Das bedeutet: Erzeugung, Netze, Speicher und gesicherte, steuerbare Leistung müssen zusammen gedacht werden – nicht einzeln, sondern als System. Deshalb schreiben wir gesicherte Kraftwerksleistung aus: 10 Gigawatt plus weitere 2 Gigawatt in diesem und im nächsten Jahr. Das sind steuerbare Kapazitäten, die länger als 10 Stunden laufen können, wenn es nötig ist. Das ist keine Rückkehr zur alten Energiewelt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die neue überhaupt funktioniert. Wir führen erstmals überhaupt einen Kapazitätsmarkt ein. Bis 2035 werden wir insgesamt rund 36 GW regelbarer Leistung im System haben.
Wir bringen Erneuerbare und Marktwirtschaft zusammen. Wir richten den Zubau der Erneuerbaren stärker am Netzausbau aus. Wir machen das Stromsystem digital steuerbar und beobachtbar. Und wir denken Batterien und andere Speicher, Netze, Erzeugung und Pipelines künftig als zusammenhängende Infrastruktur. Wir halten am 80-Prozent-Ausbauziel für die erneuerbaren Energien fest – aber mit weniger Subvention, mehr Markt und mehr Systemverantwortung.
Meine Damen und Herren, ich habe heute von zwei großen Aufgaben gesprochen: Diversifizierung nach außen, Systemintegration nach innen. Beides ist komplex. Beides ist unbequem. Beides ist unausweichlich. Aber beides ist machbar. Und genau darin liegt die politische Aufgabe in diesem Jahr: die Energiewende nicht nur weiterzutreiben, sondern sie mit Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität zu verbinden. Industrie braucht Energie – nicht Erklärungen. Wettbewerb braucht Tempo – nicht Vertagung. Und Wachstum braucht Reformen – nicht Routinen. Ich freue mich auf die Diskussion. Herzlichen Dank.