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02.07.2019 - Online-Version -

Schlaglichter der Wirtschaftspolitik Ausgabe Juli 2019

I. Wirtschaftspolitische Themen und Analysen

Einleitung

Auf einen Blick

Deutsche Finalisten für den Europäischen Unternehmensförderpreis 2019 nominiert

Nationale Expertenjury des Europäischen Unternehmensförderpreises bei ihrer diesjährigen Jurysitzung

Nationale Expertenjury des Europäischen Unternehmensförderpreises bei ihrer diesjährigen Jurysitzung

© RKW Kompetenzzentrum

Die Europäische Kommission vergibt in diesem Jahr bereits zum 13. Mal den Europäischen Unternehmensförderpreis. Im deutschen Vorentscheid hat die nationale Expertenjury im Mai die Projekte „StartGreen@School“ und „Start-Up Your Future“ ausgewählt. Beide deutschen Finalisten haben sich damit für den Wettbewerb auf europäischer Ebene im November qualifiziert.

Anerkennung für Förderung von Unternehmergeist
Der Europäische Unternehmensförderpreis (European Enterprise Promotion Awards, EEPA) wird seit 2006 von der Europäischen Kommission ausgelobt. Sie zeichnet damit innovative und erfolgreiche Maßnahmen von Körperschaften des öffentlichen Rechts und öffentlich-privaten Partnerschaften aus, die Unternehmergeist und Unternehmertum auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene fördern.

Die 32 teilnehmenden europäischen Länder (28 Mitgliedstaaten der EU sowie Island, Norwegen, Serbien und die Türkei) können je zwei nationale Finalisten für das Auswahlverfahren nach Brüssel melden. Eine europäische Jury ermittelt im zweiten Schritt je einen Preisträger in sechs Wettbewerbskategorien (Förderung des Unternehmergeistes, Investition in Unternehmenskompetenzen, Verbesserung der Geschäftsumgebung, Förderung der Internationalisierung der Wirtschaftstätigkeit, Förderung der Entwicklung von grünen Märkten und Ressourceneffizienz sowie verantwortungsvolles und integrationsfreundliches Unternehmertum). Zusätzlich wird der „Große Preis der Jury“ als Sonderpreis für die Initiative mit dem größten Maß an Kreativität und Vorbildfunktion verliehen. Alle Preisträger werden im Rahmen der jährlich stattfindenden SME Assembly im November prämiert, die dieses Jahr in Helsinki stattfinden wird.

Deutsche Finalisten: „StartGreen@School“ und „Start-Up Your Future“

Die beiden diesjährigen deutschen Finalisten wurden im Mai von einer nationalen Expertenjury mit Vertretern aus Ministerien, Verbänden und Kammern sowie Unternehmen und Wissenschaft ausgewählt. „StartGreen@School“ wird in der Kategorie „Entwicklung von grünen Märkten und Ressourceneffizienz“ am Europäischen Unternehmensförderpreis teilnehmen. Das Projekt des UnternehmensGrün e. V. setzt sich für eine nachhaltige Gründungskultur in Schulen ein. Es sensibilisiert Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz und fördert die Gründung nachhaltiger Schülerfirmen. Das Projekt stärkt außerdem die Vermittlung nachhaltigen Unternehmertums an Schulen.

In der Kategorie „verantwortungsvolles und integrationsfreundliches Unternehmertum“ wird das Pilotprojekt „Start-Up Your Future“ der Wirtschaftsjunioren Deutschland e. V. am Wettbewerb teilnehmen. Dieses Pilotprojekt fördert das unternehmerische Potenzial von Geflüchteten in Berlin und Brandenburg, die an einer Unternehmensgründung interessiert sind. Ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren, die sogenannten „Gründerpaten“, begleiten die Geflüchteten bei ihrer Gründung. Durch den direkten Austausch stärken die Gründerpatenschaften gleichzeitig die Teilhabe der Geflüchteten an Wirtschaft und Gesellschaft und dienen so als Integrationsmotor.

Alle Wettbewerbsteilnehmer leisten einen Beitrag, das Bewusstsein für die Rolle von Unternehmern in der Gesellschaft zu stärken und künftige Unternehmer zu ermutigen und zu inspirieren. Mit
dem Europäischen Unternehmensförderpreis werden diese regionalen und lokalen Initiativen jährlich sichtbar gemacht.

Weitere Informationen zum Wettbewerb sind beim RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e. V. oder unter www.europaeischer-unternehmensfoerderpreis.de erhältlich.

Kontakt: Laura Windßus
Referat: Grundsatzfragen der nationalen und europäischen Mittelstandspolitik

Bundesweites Register für das Bewachungsgewerbe gestartet

Zum 1. Juni 2019 ist das sogenannte Bewacherregister beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gestartet. In dem Register werden erstmals bundesweit Angaben zur Identifizierung und Qualifikation der rund 7500 Gewerbetreibenden im Bewachungsgewerbe und der circa 200.000 Wachpersonen elektronisch erfasst. Ziel des Registers ist es, insbesondere Vor-Ort-Kontrollen bei der Umsetzung des Bewachungsrechts zu erleichtern und zu verbessern. Darüber hinaus sollen Prozesse des Erlaubnisverfahrens und der Anmeldung von Wachpersonal durch Digitalisierung vereinfacht und die Zuverlässigkeitsüberprüfungen beschleunigt werden.

Entstehungsgeschichte

Diverse Vorfälle in sensiblen Bereichen des Bewachungsgewerbes, insbesondere bei der Bewachung von Flüchtlingsunterkünften und von Großveranstaltungen, waren 2015 u. a. ausschlaggebend für die Forderung nach einer Verbesserung des Vollzugs des Bewachungsrechts. Der Gesetzgeber hat daraufhin 2016 die Regeln für das Bewachungsgewerbe verschärft: Das Gesetz zur Änderung bewachungsrechtlicher Vorschriften vom 4. November 2016 sah dabei neben erhöhten Anforderungen an die Qualifikation und Überprüfung der Zuverlässigkeit von Gewerbetreibenden und Wachpersonen auch vor, dass ein zentrales Bewacherregister errichtet werden soll. Mit dem zweiten Gesetz zur Änderung bewachungsrechtlicher Vorschriften, das am 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist, wurden das BAFA als Registerbehörde festgelegt und die Einzelheiten der zu speichernden Daten sowie der Starttermin des Bewacherregisters auf den 1. Juni 2019 festgelegt.

Funktionen des Bewacherregisters

Die Daten, die den zuständigen Behörden für den Vollzug des Bewachungsrechts vorliegen, werden in das Register eingespeist und dort stets aktuell gehalten. Gleichzeitig liefern die Gewerbetreibenden selbst Informationen zu den Wachpersonen und den Betriebsleitern der Unternehmen an das Register. Dabei handelt es sich insbesondere um erforderliche Daten zur Identifizierung und Erreichbarkeit des Gewerbetreibenden und der Wachpersonen sowie Angaben zur Qualifikation und Zuverlässigkeit. Anders als bislang werden diese Daten künftig an zentraler Stelle dokumentiert, um bei Vor-Ort-Kontrollen von Wachpersonal bundesweit elektronisch abgerufen werden zu können. Die Prüfung der erforderlichen Zuverlässigkeit und Qualifikation der Gewerbetreibenden und des Personals wird zudem elektronisch mit Hilfe zweier Schnittstellen des Registers zum Bundesamt für Verfassungsschutz und zum Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützt.

Über das Register wird auch die verpflichtende Regelabfrage bei der jeweiligen Landesbehörde für Verfassungsschutz abgewickelt. Dieser Regelabfrage unterliegen Bewachungsunternehmer und Wachpersonen, die Flüchtlingsunterkünfte und zugangsgeschützte Großveranstaltungen bewachen. Ein solches Vorgehen ist zudem für jene Wachpersonen vorgeschrieben, die Schutzaufgaben bei Objekten wahrnehmen, von denen im Fall eines kriminellen Eingriffs eine besondere Gefahr für die Allgemeinheit ausgehen kann. Die Regelabfrage bei den Verfassungsschutzbehörden gehört zu den Verschärfungen, die 2016 eingeführt wurden.

Konzeption des Registers durch das BMWi

Das BMWi hat die gesamte Konzeption und Einführung des Registers übernommen. Die Länder und die betroffenen Kommunen sowie das BAFA waren unter anderem über ein Expertengremium intensiv in die Errichtung eingebunden. Bewachungsunternehmen und Behördenmitarbeiter wurden durch Informationsveranstaltungen, Informationsbriefe und eine hierfür eingerichtete Website frühzeitig mit dem Bewacherregister vertraut gemacht.

Bereits seit dem 1. Quartal 2018 läuft der schrittweise Aufbau des Bewacherregisters. Zunächst haben sich die rund 2.200 für den Vollzug zuständigen Behörden im Bewacherregister registriert und die ihnen vorliegenden Daten der Bewachungsgewerbetreibenden eingetragen. Nach einer Bestätigung ihrer Daten können sich die Gewerbetreibenden nun dort registrieren und anschließend die Daten ihrer Wachpersonen und Betriebsleitungen über ein Unternehmenskonto eingeben.

Trotz der Herausforderungen, die ein anspruchsvolles Digitalisierungsprojekt mit sich bringt, lohnt sich die Anstrengung aller Beteiligten: Das Bewacherregister schafft Transparenz und wird mittelfristig dazu führen, dass der Vollzug des Bewachungsrechts deutlich verbessert und Verwaltungsprozesse beschleunigt werden.

Kontakt: Thomas Ernst
Referat: Freie Berufe, Gewerberecht

Wirtschaftspolitische Termine des BMWi

Juli 2019
04./05.07.Informeller WBF-Rat (Helsinki, Finnland)
05.07.Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe (Mai)
08.07.Produktion im Produzierenden Gewerbe (Mai)
08./09.07.Eurogruppe/ ECOFIN
15.07.Pressemeldung des BMWi zur wirtschaftlichen Lage
24.07.ECOFIN (Haushalt)
Ende Juli 2019Schlaglichter (Newsletter und Veröffentlichung auf Website)
August 2019
06.08.Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe (Juni)
07.08.Produktion im Produzierenden Gewerbe (Juni)
14.08.Pressemeldung des BMWi zur wirtschaftlichen Lage
Ende August 2019Schlaglichter (Newsletter und Veröffentlichung auf Website)
September 2019
05.09.Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe (Juli)
06.09.Produktion im Produzierenden Gewerbe (Juli)
13.09.Pressemeldung des BMWi zur wirtschaftlichen Lage
13.09.Eurogruppe
13./ 14.09.Informeller ECOFIN (Helsinki, Finnland)
24.09.Energieministerrat
26./ 27.09.WBF-Rat
Ende September 2019Schlaglichter (Newsletter und Veröffentlichung auf Website)

Grafik des Monats

Die Verlierer des Handelsstreits sind die Verbraucher

Entwicklung der Verbraucherpreise in den USA

*Haushaltsgeräte, Bodenbeläge, Einrichtungsgegenstände, Wohnmobile, Fahrzeugteile, Motorräder, Haushaltsreinigungsbedarf, Nähmaschinen und -materialien, Haustiere und verwandte Produkte

*Haushaltsgeräte, Bodenbeläge, Einrichtungsgegenstände, Wohnmobile, Fahrzeugteile, Motorräder, Haushaltsreinigungsbedarf, Nähmaschinen und -materialien, Haustiere und verwandte Produkte

© Bureau of Labour Statistics, Goldman Sachs



Der Handelsstreit zwischen den USA und China geht an den Konsumenten nicht spurlos vorbei: Seit Beginn des Zollkonfliktes sind Preise für Waren, die durch Einfuhrzölle belegt wurden, etwa fünf Prozentpunkte stärker gestiegen als die übrigen Waren.

Weiterführende Informationen

Überblick über die wirtschaftliche Lage

  • Die deutsche Wirtschaft erfährt Gegenwind aus dem außenwirtschaftlichen Umfeld. Die Binnenkonjunktur ist weiter intakt, aber die exportorientierte Industrie durchlebt eine Durststrecke. Nach dem deutlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal bleiben die Aussichten für das zweite erst einmal gedämpft.
  • Die Produktion in der Industrie ist im April kräftig gesunken, während sich die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe auf niedrigem Niveau stabilisierten. Das Baugewerbe verzeichnete hingegen weiterhin Produktionszuwächse.
  • Die Einkommen steigen, unterstützt durch die Fiskalpolitik, und sorgen für eine kräftige Konsumnachfrage der privaten Haushalte.
  • Am Arbeitsmarkt zeigen sich erste Bremsspuren: Beim Zuwachs der Erwerbstätigkeit verfestigt sich die niedrigere Dynamik. Die Arbeitslosigkeit nahm im Mai, nicht nur aufgrund von Sondereffekten, zu.

Die deutsche Konjunktur bleibt vorerst verhalten. Zur relativ starken Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2019 von 0,4 % trug auf der Verwendungsseite vor allem der starke Anstieg der privaten Konsumausgaben bei.1 Die fiskalischen Entlastungen zu Jahresbeginn sowie gewisse Nachholeffekte beim Kauf von Personenkraftwagen dürften hierzu beigetragen haben. Auf der Entstehungsseite ging die Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistung vor allem auf die Dienstleistungsbereiche zurück. Im Verarbeitenden Gewerbe war sie hingegen rückläufig. Die aktuelle Datenlage spricht für eine Fortsetzung dieser zweigeteilten Entwicklung. Der spürbare Rückgang der Auftragseingänge in der Industrie seit Jahresbeginn sowie das sich bis Mai weiter eintrübende Geschäftsklima signalisieren ein Andauern der industriellen Schwächephase. Die wichtigen binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte sind aber weiterhin intakt. Beschäftigung und Einkommen steigen nach wie vor spürbar, die Bauinvestitionen nehmen verlässlich zu und der Staat sorgt für fiskalische Impulse. Nach einer verhaltenen Entwicklung im zweiten Quartal sollten sich die positiven Kräfte bei allmählicher Besserung des außenwirtschaftlichen Umfelds wieder stärker durchsetzen.

Die Weltkonjunktur leidet unter den Handelskonflikten. Zwar hat sich ihre Dynamik im ersten Quartal 2019 leicht beschleunigt, die Jahreswachstumsrate ist jedoch noch immer relativ niedrig. Nach einem kräftigen Wachstum der US-Wirtschaft im ersten Quartal sprechen die Konjunkturindikatoren für einen allmählichen Dynamikverlust. Die japanische Wirtschaft gewann zuletzt ebenfalls etwas an Schwung, der sich jedoch einzig auf die Investitionen stützte. Das schwache Wachstum in Europa setzte sich nur wenig beschleunigt fort. Die Entwicklung in den Schwellenländern verlief gedämpft: Das Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft verringerte sich weiter. Der Handelskonflikt mit den USA ist mit Einbußen im Außenhandel verbunden. Auch die russische und die indische Wirtschaft konnten ihr Expansionstempo zuletzt nicht halten. In Brasilien schrumpfte die Wirtschaft sogar leicht. Die OECD rechnet in ihrer jüngsten Prognose vom Mai mit einer Abschwächung des globalen Wachstums im Jahr 2019 auf 3,2 % nach 3,5 % im Jahr 2018.

Die deutschen Unternehmen erhalten gedämpfte Impulse aus dem weltwirtschaftlichen Umfeld. So nahmen die Exporte von Waren und Dienstleistungen im April saisonbereinigt und in jeweiligen Preisen um 3,4 % ab. Im Zweimonatsvergleich ergab sich ein leichtes Minus von 0,1 %. Bei leicht steigenden Ausfuhrpreisen dürfte sich in realer Rechnung ein etwas stärkerer Rückgang ergeben. Die Unternehmen gehen laut den ifo Exporterwartungen weiterhin von keiner deutlichen Belebung aus. Die nominalen Importe von Waren und Dienstleistungen sanken im April saisonbereinigt und in jeweiligen Preisen um 1,1 %. Im Zweimonatsvergleich ergab sich ein leichtes Minus von 0,1 %. Die Einfuhrpreise fielen jedoch etwas höher aus, sodass die Importe preisbereinigt etwas deutlicher abgebaut haben dürften. Der Leistungsbilanzüberschuss fiel in den ersten vier Monaten des Jahres 2019 mit 89,8 Mrd. Euro um 2,9 Mrd. Euro geringer aus als im Vorjahreszeitraum.

Die Konjunktur im Produzierenden Gewerbe ist gegenwärtig zweigeteilt. Während die Industriekonjunktur lahmt, befindet sich das Baugewerbe in der Hochkonjunktur. Die industrielle Erzeugung weist seit Ende 2017 einen nach unten gerichteten Trend auf. Im April ist die Produktion im Produzierenden Gewerbe deutlich um 1,9 % zurückgegangen. Dabei erhöhte sich die Erzeugung im Baugewerbe leicht (+0,2 %), während die Industrie ein kräftiges Minus von 2,5 % meldete. Im Zweimonatsvergleich März/April gegenüber Januar/Februar war für die Industrie ein Produktionsrückgang von 0,6 % zu verbuchen, während für das Baugewerbe eine deutliche Zunahme der Erzeugung von 1,9 % zu verzeichnen war. Innerhalb der Industrie fuhr der Kfz-Bereich seine Produktion um 1,9 % zurück. Die Entwicklung von Auftragseingangs- und Stimmungsindikatoren spricht dafür, dass die Industriekonjunktur in den kommenden Monaten gedämpft bleibt. Nach ihrem kräftigen Rückgang zu Jahresbeginn haben sich die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe in den beiden letzten Monaten im Zuge einer anziehenden Auslandsnachfrage allerdings wieder auf niedrigem Niveau stabilisiert. Im März und April sind sie gegenüber dem Vormonat um 0,8 % bzw. 0,3 % gestiegen, damit lagen sie aber immer noch etwa 5 % unter ihrem durchschnittlichen Monatswert aus dem Jahre 2018. Das Geschäftsklima im Verarbeitenden Gewerbe zeigt nunmehr schon seit dem Jahreswechsel 2017/18 einen spürbaren Abwärtstrend und trübte sich im Mai nochmals leicht ein. Im Baugewerbe indes dürfte die Hochkonjunktur anhalten.

Im ersten Quartal 2019 nahmen die privaten Konsumausgaben überraschend kräftig um 1,2 % gegenüber dem Vorquartal zu. Einen vergleichbar großen Zuwachs hatte es zuletzt im dritten Quartal 2011 gegeben. Allerdings haben sich die Umsätze im Einzelhandel (ohne Kfz) im April im Vergleich zum Vormonat um 1,0 % verringert. Die Neuzulassungen von Pkw bei privaten Haltergruppen konnten sich zwar in den zurückliegenden Monaten von der WLTP-bedingten Flaute im Herbst letzten Jahres wieder erholen, aber im Mai war wieder eine Abnahme um 2,6 % zu verzeichnen.

Auf dem Arbeitsmarkt wurde im Mai die konjunkturelle Abschwächung sichtbarer. Der Beschäftigungsaufbau hält zwar an, die Dynamik hat sich aber auf einen monatlichen Zuwachs von weniger als 40.000 Personen eingependelt. In den Ursprungszahlen wurden im April 45,1 Mio. Erwerbstätige ausgewiesen. Auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nimmt merklich langsamer zu. Die Arbeitslosigkeit stieg nach den Ursprungszahlen im Mai sogar leicht auf 2,24 Mio. Personen. In der saisonbereinigten Betrachtung erhöhte sie sich im Vergleich zum Vormonat um 60.000 Personen, den ersten kräftigen Anstieg seit Mai 2014. Neben dem Konjunktureinfluss spielte ein Sondereffekt, die Überprüfung des Status von Betroffenen im Bereich SGB II, eine maßgebliche Rolle. Dies ergab etwas mehr als die Hälfte des Anstiegs. Die Frühindikatoren deuten an, dass der Personalaufbau in den Unternehmen merklich ruhiger verlaufen wird, in der Industrie könnte der Stellenzuwachs möglicherweise unterbrochen werden. Die Wirtschaftskraft strukturschwacher Regionen zu stärken bleibt eine Herausforderung.

Konjunktur auf einen Blick*
Entwicklung von Bruttoinlandsprodukt, Produktion und Auftragseingang in der Industrie sowie ifo Geschäftserwartungen

*zentrierte gleitende 3-Monats-Durchschnitte bzw. Quartale, saisonbereinigt, Veränderungen gegenüber Vorperiode in v. H. bzw. Salden bei ifo Bild vergrößern: *zentrierte gleitende 3-Monats-Durchschnitte bzw. Quartale, saisonbereinigt, Veränderungen gegenüber Vorperiode in v. H. bzw. Salden bei ifo

*zentrierte gleitende 3-Monats-Durchschnitte bzw. Quartale, saisonbereinigt, Veränderungen gegenüber Vorperiode in v. H. bzw. Salden bei ifo

© StBA, BBk, ifo Institut

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[1] In diesem Bericht werden Daten verwendet, die bis zum 14. Juni 2019 vorlagen. Soweit nicht anders vermerkt, handelt es sich um Veränderungsraten gegenüber der jeweiligen Vorperiode auf Basis preisbereinigter sowie kalender- und saisonbereinigter Daten.

08.07.2019 - Download -

Publikation: Schlaglichter der Wirtschaftspolitik (Ausgabe 07/2019): Überblick über die wirtschaftliche Lage

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Nowcasting: Ein Echtzeit-Indikator für die Konjunkturanalyse

Ökonometrische Prognosemodelle sind ein wichtiges Hilfsmittel für die kurzfristige Konjunkturanalyse. Das neue Nowcast-Modell des BMWi erstellt tagesaktuelle technische Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung im laufenden Quartal. Für das aktuelle Quartal (Q2 2019) erwartet das Modell einen leichten Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Zukünftig soll der Nowcast regelmäßig in den Schlaglichtern der Wirtschaftspolitik als verdichtete Information zur aktuellen Indikatorenlage veröffentlicht und kommentiert werden.

Person zeigt mit einem Stift auf ein Tablet.

© iStock.com/ Pinkypills

Wofür brauchen wir einen Nowcast?

Wirtschaftspolitik benötigt zeitnahe und präzise Informationen über die wirtschaftliche Entwicklung. Um ihre Handlungen auf den jeweiligen Zustand der Volkswirtschaft möglichst zielgenau abstimmen zu können, müssten Entscheidungsträger idealerweise auf Echtzeit-Daten über die wirtschaftliche Entwicklung zurückgreifen können. Dieser Zustand ist allerdings in den seltensten Fällen Realität. Beispielsweise werden die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) vierteljährlich ausgewiesen und mit großer Verzögerung veröffentlicht: Erste amtliche Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) stehen erst 45 Tage nach Ablauf des Referenzquartals zur Verfügung. Details zu den Verwendungskomponenten, zum Beispiel dem privaten Konsum oder den getätigten Investitionen, werden erst nach etwa 55 Tagen veröffentlicht.

Allerdings existiert eine Vielzahl an höherfrequenten Konjunkturindikatoren, die lange vor den Quartalsdaten der VGR vorliegen und somit früher Signale über die wirtschaftliche Entwicklung senden. Dazu gehören zum Beispiel die monatlichen Statistiken zu den Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe oder zur Produktion im Produzierenden Gewerbe sowie Umfrageergebnisse wie das ifo Geschäftsklima. Wenn solche Informationen bereits im Laufe des Quartals zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage: Warum bis zur BIP-Veröffentlichung warten?

Während des laufenden Quartals und in den Wochen bis zur Veröffentlichung der Quartalsergebnisse kann die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts mit Hilfe der bereits vorhandenen Informationen geschätzt werden. Dieser sogenannte „Nowcast“ spielt in der Konjunkturforschung eine wichtige Rolle.

Das Projekt: Entwicklung eines Nowcast-Modells für die deutsche Wirtschaft

Das Nowcast-Modell, das im BMWi zukünftig neben anderen Instrumenten der Konjunkturanalyse verwendet wird, wurde gemeinsam mit der Firma Now-Casting Economics Ltd. entwickelt. Diesem Nowcast liegt ein ökonometrisches Faktormodell zugrunde. Das Modell kann Zeitreihen mit unterschiedlicher Frequenz und mit unterschiedlichem Veröffentlichungsstand verarbeiten. Zudem ist es in der Lage, Informationen aus einer Vielzahl von ökonomischen Indikatoren zu einer kleinen Anzahl gemeinsamer Faktoren zu verdichten. Ein solches Verfahren bietet sich für Prognosezwecke besonders an, da viele makroökonomische Zeitreihen über den Konjunkturzyklus stark miteinander korrelieren. Faktormodelle extrahieren aus der Vielzahl von Zeitreihen gemeinsame Signale, die über den konjunkturellen Verlauf gesendet werden. Bei der Entwicklung des BMWi-Nowcast-Modells hat sich gezeigt, dass zwei Faktoren zur Erklärung des BIP nötig sind. Der erste Faktor spiegelt dabei überwiegend Informationen aus den „harten“ Indikatoren der amtlichen Statistik zu Produktion und Umsätzen wider. Der zweite Faktor kondensiert hingegen vor allem umfragebasierte Stimmungsindikatoren.

Im Zentrum des Nowcast-Modells steht eine automatisierte Prognose für die Quartalswachstumsrate des BIP. Neben dem Nowcast, also einer Prognose für das laufende Quartal, erzeugt das Modell auch Schätzungen für das kommende sowie das abgelaufene Quartal.

Für ein gegebenes Quartal wird der Nowcast mit jedem Veröffentlichungszeitpunkt eines neuen Konjunkturindikators aktualisiert. Somit sind stets alle zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbaren Informationen in der Prognose enthalten. Theoretisch sollte der Nowcast somit im Zeitverlauf an Präzision gewinnen und sich sukzessive dem „wahren“ BIP-Wachstum annähern.

Neben dem Nowcast für das BIP werden auch Prognosen für alle Konjunkturindikatoren generiert, die als erklärende Variablen in das Modell einfließen. Dies ermöglicht auch, Rückschlüsse auf die Ursachen für Veränderungen der BIP-Prognosen zu ziehen: Wird ein neuer Datenpunkt veröffentlicht, ändert sich der Nowcast nur dann, wenn der veröffentlichte Wert vom prognostizierten Indikatorwert abweicht, also tatsächlich Neuigkeiten (sog. „News“) vorliegen. Diese News werden dann entsprechend ihrem Einfluss auf die BIP-Entwicklung gewichtet und führen zu einer Änderung der Punktprognose für das BIP.

Mit der Veröffentlichung eines neuen Datenpunktes ändern sich typischerweise auch die vergangenen Datenpunkte. Der Grund dafür sind Datenrevisionen. Das vom BMWi verwendete Modell berücksichtigt diese Revisionen und weist deren Effekt auf die Änderung des Nowcasts gesondert aus.

Die Prognosegüte des Modells wurde gegen mehrere alternative Modelle und existierende Nowcasts anderer Institutionen getestet und hat sich als sehr wettbewerbsfähig erwiesen.

Abbildung 1: Entwicklung des Nowcast für das zweite Quartal 2019 Bild vergrößern: Abbildung 1: Entwicklung des Nowcast für das zweite Quartal 2019

Abbildung 1: Entwicklung des Nowcast für das zweite Quartal 2019

© Now-Casting Economics Ltd.

Ergebnisse des Nowcast-Modells

Im Folgenden werden die Ergebnisse des BMWi-Nowcast-Modells anhand der BIP-Prognose für das zweite Quartal 2019 beispielhaft erläutert. Abbildung 1 zeigt den Verlauf der Punktprognose für das BIP-Wachstum in diesem Zeitraum. Mit Datenstand vom 24. Juni 2019 sagt das Modell für das zweite Quartal einen Rückgang der wirtschaftlichen Leistung um -0,07 Prozent voraus.

Mit jeder Veröffentlichung eines neuen Konjunkturindikators kann sich auch die BIP-Prognose ändern. Dies ist dann der Fall, wenn der tatsächlich veröffentlichte Wert von der Modellprognose abweicht oder vergangene Werte der Zeitreihe revidiert wurden. Beispielsweise verschlechterte sich die Prognose Anfang Juni von 0,04 % auf -0,07 %, da unter anderem die zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Produktion für den Monat April erheblich schlechter ausfiel als erwartet (siehe Tabelle 1). Die Produktionsdaten haben eine relativ große Bedeutung für die BIP-Prognose (Gewicht: 2,66 1 ), weshalb die „negative Überraschung“ (News) zu einer deutlichen Abwärtskorrektur der Prognose führte.

Betrachtet man die Prognose für das zweite Quartal im Zeitverlauf, kann zwischen drei Perioden unterschieden werden. In der „Forecast-Periode“ von Januar bis März liegen noch keine Daten über das zu prognostizierende zweite Quartal des entsprechenden Jahres vor. Die Prognose beruht allein darauf, dass in dem Modell auch die Entwicklung der einzelnen erklärenden Konjunkturindikatoren vorhergesagt wird.

Nach Ablauf des ersten Quartals beginnt Anfang April die „Nowcast-Periode“, die bis Ende Juni reicht (in der Abbildung heller schattiert). In dieser Zeit werden sukzessive Daten über das laufende Quartal veröffentlicht. Zu Beginn des Quartals haben vor allem Umfragedaten wie zum Beispiel der ifo Geschäftsklimaindex eine große Bedeutung für die Prognose, da sie vergleichsweise früh zur Verfügung stehen. Im weiteren Verlauf des Quartals, wenn auch harte Daten der amtlichen Statistik zum zweiten Quartal veröffentlicht werden, wird der Einfluss der Umfrageindikatoren auf die Prognose geringer, während Produktions- und Umsatzdaten eine immer wichtigere Rolle spielen.

Die „Backcast-Periode“ reicht schließlich von Anfang Juli bis zur Veröffentlichung der Quartalsergebnisse durch das Statistische Bundesamt am 14. August 2019. Auch in diesem Zeitraum werden Daten veröffentlicht, die sich noch auf das zweite Quartal beziehen. Dadurch kann sich die Prognose auch ex post noch ändern.

Fazit

Ökonometrische Prognosemodelle sind ein wichtiges Hilfsmittel der Konjunkturanalyse in Echtzeit. Das neue Nowcast­Modell erweitert das bestehende Analyseinstrumentarium im BMWi durch eine automatisierte Prognose, die mit jeder Veröffentlichung eines neuen Datenpunktes aktualisiert wird. Solche rein datengetriebenen, „technischen“ Prognosen können jedoch kein Expertenwissen ersetzen, das für die Erstellung von Konjunkturprognosen weiterhin unverzichtbar bleibt. Bei dem Nowcast handelt es sich deshalb nicht um die Prognose des BMWi für das laufende Quartal, sondern um eine zusätzliche, verdichtete Information über die aktuelle Indikatorenlage, die durch weitere Prognosemethoden und durch Expertenwissen ergänzt wird. So kann das Nowcast-Modell zum Beispiel Sonderfaktoren wie Streiks, Gesetzesänderungen oder Anpassungen in der Statistik nur schwer erfassen, weshalb die Modellergebnisse in solchen Fällen entsprechend interpretiert werden müssen, um ein möglichst präzises Bild der konjunkturellen Lage zeichnen zu können.

Zukünftig soll der Nowcast für das laufende Quartal regelmäßig in den Schlaglichtern der Wirtschaftspolitik veröffentlicht und kommentiert werden.

Kontakt: Charlotte Senftleben und Till Strohsal
Referat: Beobachtung, Analyse und Projektionen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung


Tabelle 1: Änderung des Nowcasts für Q2 am 07. Juni 2019 im Vergleich zum Vortag

ZeitreiheErgebnisGewichtNewsAuswirkung
(Basispunkte)
Produktion im Produzierenden Gewerbe-2,31 %2,66-1,57-4,18
Produktion im Bauhauptgewerbe-1,26 %0,19-0,66-0,13
Exporte-3,69 %0,85-2,61-2,21
Sonstige (weitere Variablen und Revisionen)-4,13
Gesamt-10,65
Nowcast Q2 vorher0,04 %
Nowcast Q2 nachher-0,07 %

Quelle: Now-Casting Economics Ltd.
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[1] Das Gewicht beschreibt die Stärke, mit der die News auf den Nowcast wirken. Multipliziert man das Gewicht mit den News, ergibt sich die numerische Änderung der BIP-Prognose.

Weiterführende Informationen

Sind große Unternehmen produktiver?

Zum Zusammenhang zwischen Produktivität und Unternehmensgröße und den Herausforderungen der Digitalisierung

Ein Blick auf die Daten zeigt: Die weit verbreitete Vorstellung, dass große Unternehmen produktiver sind, trifft lediglich im Verarbeitenden Gewerbe zu. Bei gewerblichen Dienstleistungen sind kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nicht nur besonders stark vertreten, sondern meist auch produktiver. Allerdings drohen KMU im Zuge der Digitalisierung zurückzufallen. Eine wirtschaftspolitische Flankierung ist an dieser Stelle sinnvoll.

Geschäftsmann zeichnet mit einem Finger ein Diagramm

© iStock.com/ marchmeena29

KMU sind stark im Dienstleistungsbereich

Size matters“ oder „klein, aber fein“? Der betriebswirtschaftliche Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Produktivität ist schon seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Gegenstand theoretischer und später auch empirischer Untersuchungen (Coase 1937; Kaldor 1935; Robinson 1934). Generell herrscht die Auffassung, dass größere Unternehmen produktiver sind, da sie von steigenden Skalenerträgen profitieren. Zudem kann eine größenbedingt günstigere Produktdiversifikation zu Effizienzgewinnen führen. Häufig erleichtern Größen- und Produktivitätsvorteile auch eine Teilnahme am internationalen Handel (sogenannte „Handelsprämie“). Darüber hinaus haben größere Unternehmen in der Regel einen besseren Zugang zum Finanzmarkt und können sich leichter Kapital für Investitionen beschaffen. Dies verstärkt strukturelle Unterschiede zwischen kleinen und großen Unternehmen weiter. Ein Blick auf die internationale Evidenz zeigt, dass der positive Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Produktivität für nahezu alle Industrieländer zutrifft (Abbildung 1; Ausnahmen stellen LUX, NLD und MLT dar). Ein genauerer Blick auf die einzelnen Wirtschaftszweige zeichnet jedoch ein komplexeres Bild. In Deutschland nimmt die Arbeitsproduktivität innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes wie vermutet mit steigender Unternehmensgröße zu. Große Industrieunternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten sind 2,5-mal produktiver als Mikrounternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten und fast doppelt so produktiv wie mittlere Unternehmen mit 20 bis 49 Beschäftigten (siehe Abbildung 2).

Abbildung 1:  Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße, gesamte gewerbliche Wirtschaft (Wertschöpfung pro Beschäftigtem, in Euro, 2016 oder letztes verfügbares Jahr) Bild vergrößern: Abbildung 1: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße, gesamte gewerbliche Wirtschaft (Wertschöpfung pro Beschäftigtem, in Euro, 2016 oder letztes verfügbares Jahr)

Abbildung 1: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße, gesamte gewerbliche Wirtschaft (Wertschöpfung pro Beschäftigtem, in Euro, 2016 oder letztes verfügbares Jahr)

© Eurostat Structural Business Statistics, 2019.

Abbildung 2:  Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland, Verarbeitendes Gewerbe und gewerbliche Dienstleistungen (ohne Grundstücks- und Wohnungswesen), in Euro, 2016 Bild vergrößern: Abbildung 2: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland, Verarbeitendes Gewerbe und gewerbliche Dienstleistungen (ohne Grundstücks- und Wohnungswesen), in Euro, 2016

Abbildung 2: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland, Verarbeitendes Gewerbe und gewerbliche Dienstleistungen (ohne Grundstücks- und Wohnungswesen), in Euro, 2016

© Quelle: Eurostat Structural Business Statistics, 2019, BMWi.

Die durchschnittliche Produktivität bei gewerblichen Dienstleistungen 1 ist geringer als im Verarbeitenden Gewerbe. Gleichzeitig sind es hier Mikrounternehmen, die die höchste Arbeitsproduktivität aufweisen. Sie übertreffen sogar Unternehmen vergleichbarer Größe im Verarbeitenden Gewerbe. Erst ab mittlerer Größe (> 50 Beschäftigte) liegt die Arbeitsproduktivität von Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe über derjenigen von Unternehmen im Dienstleistungsbereich. Kleine Unternehmen im Dienstleistungssektor, die dort recht stark vertreten sind und oftmals in Nischen agieren, können sich gegenüber ihren größeren Konkurrenten hinsichtlich ihrer Produktivität also durchaus behaupten.

Tabelle 1 setzt die Beiträge von Kleinst- und Großunternehmen in der Industrie bzw. dem gewerblichen Dienstleistungssektor in Relation zu allen Unternehmen der jeweiligen Größenklasse. Hierbei wird deutlich, dass kleine Unternehmen im Dienstleistungsbereich kleine Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe nicht nur bezüglich ihrer Arbeitsproduktivität übertreffen. Sie sind auch weit häufiger vertreten, weisen einen höheren Anteil an den Beschäftigten auf und erwirtschaften einen Großteil der Umsätze und Wertschöpfung der Unternehmen dieser Größenklasse.

Ein Blick auf einzelne Wirtschaftszweige zeigt aber auch, dass innerhalb der gewerblichen Dienstleistungen große Unterschiede hinsichtlich der Produktivität von Unternehmen verschiedener Größe bestehen (Abbildung 3).

Während im Verarbeitenden Gewerbe die Arbeitsproduktivität mit der Unternehmensgröße in sämtlichen Gütergruppen deutlich steigt, weisen große Unternehmen in freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, im Einzel- und Großhandel sowie bei Verkehr und Lagerhaltung eine geringere Arbeitsproduktivität auf als mittelgroße Unternehmen (50 – 249 Beschäftigte; teilweise auch als noch kleinere). Im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) nimmt dagegen Arbeitsproduktivität – ähnlich wie im Verarbeitenden Gewerbe – mit steigender Unternehmensgröße kontinuierlich zu. Große Unternehmen weisen hier eine deutlich höhere Arbeitsproduktivität auf als KMU und zählen gemeinsam mit großen Unternehmen bei Chemikalien und nichtmetallischen Mineralprodukten zu den produktivsten Unternehmen in Deutschland.

Im IKT-Bereich zeigt sich, dass das Produktivitätswachstum von kleinen und großen Unternehmen in den letzten Jahren auseinandergedriftet ist: Zwischen 2014 und 2016 sank die Arbeitsproduktivität bei KMU durchschnittlich um 2,8 Prozent – bei Mikrounternehmen sogar um 5,5 Prozent –, während Großunternehmen ein durchschnittliches Wachstum von 1,9 Prozent verbuchten. Dies deutet darauf hin, dass kleine Unternehmen in Sektoren, die auch in der digitalen Wirtschaft eine große Rolle spielen, zurückzufallen drohen.

Tabelle 1: Beitrag von Mikro- und Großunternehmen zu ausgewählten Kennziffern, 2016 (in % der Gesamtunternehmen der jeweiligen Größenklasse)

Verarbeitendes Gewerbe und Unternehmensdienstleistungen (ohne Grundstücks- und Wohnungswesen)

0-9 Beschäftige250 + Beschäftigte
Verarbeitendes
Gewerbe
Gewerbliche
Dienstleistungen
Verarbeitendes
Gewerbe
Gewerbliche
Dienstleitungen
Anteil6,262,837,538,1
Beschäftigung7,862,437,641,8
Umsatz5,565,248,535,1
Wertschöpfung6,653,451,834,4

Quelle: Eurostat Structural Business Statistics, 2019; BMWi.

Interpretationshilfe: Beispielsweise sind 62,8 Prozent der Mikrounternehmen (0 – 9 Beschäftigte) im gewerblichen Dienstleistungsbereich aktiv und lediglich 6,2 Prozent im Verarbeitenden Gewerbe. Bei Großunternehmen (250+ Beschäftigte) sind hingegen 37,5 Prozent im Verarbeitenden Gewerbe und 38,1 Prozent im gewerblichen Dienstleistungsbereich aktiv.

Abbildung 3:  Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland in Euro, 2016 Bild vergrößern: Abbildung 3: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland in Euro, 2016

Abbildung 3: Arbeitsproduktivität nach Unternehmensgröße in Deutschland in Euro, 2016

© Eurostat structural business statistics, 2019; BMWi.

KMU könnten mehr in wissensbasiertes Kapital investieren, um ihre Produktivität zu steigern

Die Erkenntnis, dass KMU im Dienstleistungsbereich – mit Ausnahme des IKT-Sektors – im Gegensatz zum Verarbeitenden Gewerbe näher an der Arbeitsproduktivität großer Unternehmen liegen oder diese sogar übertreffen, wird auch von einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) untermauert, die im Jahr 2017 im Auftrag des BMWi durchgeführt wurde (Belitz u. a. 2017). Demnach investieren KMU im Verarbeitenden Gewerbe deutlich weniger in wissensbasiertes Kapital (Forschung und Entwicklung, Software, Lizenzen und Patente sowie Organisationskapital) als große Unternehmen. Diese Investitionen schlagen sich in einer vergleichsweise hohen Arbeitsproduktivität der großen Unternehmen nieder. Dennoch übertreffen KMU die großen Unternehmen im Dienstleistungsbereich. Allerdings bleiben auch im Dienstleistungsbereich in Wirtschaftszweigen mit umfangreichen Gesamtinvestitionen in wissensbasiertes Kapital große Unternehmen führend, dies insbesondere im IKT-Bereich. Investitionen in wissensbasiertes Kapital konzentrieren sich bislang insgesamt auf wenige Wirtschaftszweige und dort vor allem auf größere Unternehmen.

Schätzungen des DIW zeigen darüber hinaus, dass Investitionen in wissensbasiertes Kapital Produktivitätsgewinne versprechen und somit helfen können, die Wettbewerbsfähigkeit von KMU zu verbessern. Eine weitere Studie des DIW aus dem Jahr 2018 bestätigt, dass sich Investitionen in wissensintensive Dienstleistungen nicht nur für Großunternehmen, sondern auch für KMU lohnen, da sie die Arbeitsproduktivität deutlich erhöhen können (Audretsch u. a. 2018). Während große Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe einen erheblichen Größenvorteil mit Blick auf Forschung und Entwicklung, Innovation und Produktivität besäßen, sei Unternehmensgröße bei wissensintensiven Dienstleistungen weniger ausschlaggebend, um Innovationen in höhere Produktivität umzusetzen.

Bei der Anwendung digitaler Technologien hinken KMU hinterher

Neue digitale Technologien (z. B. Cloud Computing, Big-Data-Analyse) helfen Unternehmen, ihre Produktivität zu steigern, indem sie interne Prozesse effizienter gestalten bzw. durch Auslagern wichtiger Unternehmensfunktionen verbessern. Darüber hinaus können digitale Technologien einen besseren Zugang zu Finanzierung sowie zu gut gebildeten Fachkräften eröffnen, so etwa im Zuge digitaler Rekrutierungsprozesse.

Viele digitale Anwendungen sind in der deutschen Unternehmenswelt bereits weit verbreitet. Beispielsweise besitzen nahezu alle Unternehmen mittlerweile einen Breitband-Internetzugang und verfügen über eine Webseite (Abbildung 4). Ein Großteil der Unternehmen arbeitet darüber hinaus mit digitalem Kundenmanagement sowie sozialen Medien. Hinsichtlich der Anwendung digitaler Technologien zeigt sich jedoch eine starke Diskrepanz zwischen kleinen und großen Unternehmen. So verfügen mehr als zwei Drittel der großen Unternehmen über IKT-Spezialisten; bei kleinen Unternehmen sind es lediglich 13 Prozent. Cloud Computing findet bei fast der Hälfte der deutschen Großunternehmen Anwendung, jedoch nur bei einem Fünftel der kleinen Unternehmen. Big-Data-Analyse wird bei nur 13 Prozent der kleinen Unternehmen genutzt, bei großen Unternehmen ist es immerhin bereits ein gutes Drittel.

Eine aktuelle OECD-Studie liefert empirische Evidenz, dass die Verwendung digitaler Technologien zu Produktivitätszuwächsen bei Unternehmen führt, einschließlich bei KMU (Gal u. a. 2019). Allerdings zeigt sich auch, dass die Effekte im Verarbeitenden Gewerbe sowie bei Unternehmen, die bereits eine hohe Produktivität aufweisen, stärker ausfallen. Dies wird unter anderem damit begründet, dass die Nutzung digitaler Technologien spezifische immaterielle Vermögenswerte sowie Beschäftigte mit digitalen Kompetenzen voraussetzt, insbesondere mit Hinblick auf die Analyse großer Datenvolumen. Die vorangegangene Analyse legt nahe, dass KMU gerade in diesen Bereichen hinter großen Unternehmen zurückfallen und damit im digitalen Zeitalter Schwierigkeiten haben könnten, ihre Produktivität zu steigern. Dies könnte erklären, weshalb kleine Unternehmen im IKT-Bereich ein negatives Produktivitätswachstum in den Jahren 2014 bis 2016 aufwiesen, während große Unternehmen ihre Produktivität im gleichen Zeitraum steigern konnten.

Laut der OECD-Studie könnten digitale Technologien somit zum Auseinanderdriften der Produktivitätsleistungen zwischen sehr produktiven „Vorreiter-Unternehmen“ und zurückfallenden „Nachzügler-Unternehmen“ beigetragen haben. Dies ist eine der Erklärungsmöglichkeiten für das sogenannte Produktivitätsparadoxon: Zwar steigern digitale Prozesse die Produktivität, doch scheint hiervon bisher nur ein kleiner Teil der Unternehmen zu profitieren, sodass das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum trotz digitaler Innovationen seit der Jahrtausendwende an Dynamik verloren hat. Dieser Trend spiegelt sich auch in der Lohnentwicklung wider: Insgesamt sind die Löhne in den letzten Jahren in vielen OECD-Ländern kaum gewachsen; gleichzeitig haben Lohnunterschiede zwischen Unternehmen zugenommen, was zu steigender Ungleichheit führte (OECD 2018). Auch der Wettbewerb scheint durch die unterschiedliche Nutzung digitaler Technologien in Unternehmen und damit verbundenen Produktivitätsunterschieden zu leiden: Einige, häufig als „Superstars“ bezeichnete, digital basierte Unternehmen haben in den letzten Jahren zunehmend an Marktmacht gewonnen, so insbesondere digitale Plattformen wie Google, Facebook und Amazon.

Aus diesen Gründen ist es wichtig, geeignete Rahmenbedingungen und Unterstützungsangebote zu schaffen, damit Unternehmen und insbesondere KMU, die bisher wenig am digitalen Wandel teilgenommen haben, aufholen und ihre Produktivität steigern können. Da momentan in Deutschland weniger als jedes fünfte kleine Unternehmen über Zugang zu schnellem Breitband verfügt, ist vor allem ein zügiger Ausbau des 5G-Netzes nötig. Darüber hinaus sollten KMU über gezielte Förderprogramme bei der Nutzung digitaler Technologien unterstützt werden (z. B. BMWi-Programm „go digital“, Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren), einschließlich Wissenschaftsvernetzung. Der Zugang zu geeigneten Finanzierungsmöglichkeiten neben traditionellen Bankkrediten (z.B. Venture Capital) könnte KMU Investitionen in wissensbasiertes Kapital (Forschung und Entwicklung, Software, Patente, Lizenzen, Qualifikationen) erleichtern. Auch hier setzen zahlreiche BMWi-Förderangebote aus dem ERP-Sondervermögen und das INVEST–Programm für Wagniskapital an. Weiterführende Informationen zur Mittelstandsfinanzierung sind hier abrufbar: www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/mittelstandsfinanzierung.html.

Abbildung 4:   Verbreitung digitaler Technologien nach Unternehmensgröße in Deutschland In Prozent aller Unternehmen, 2018 oder letztes verfügbares Jahr  Bild vergrößern: Abbildung 4: Verbreitung digitaler Technologien nach Unternehmensgröße in Deutschland In Prozent aller Unternehmen, 2018 oder letztes verfügbares Jahr

Abbildung 4: Verbreitung digitaler Technologien nach Unternehmensgröße in Deutschland In Prozent aller Unternehmen, 2018 oder letztes verfügbares Jahr

© OECD ICT Access and Usage by Businesses, 2019.

Literatur

Audretsch, D., Hafenstein, M., Kritikos, A. S. und Schiersch, A., 2018: „Firm Size and Innovation in the Service Sector“ IZA Discussion Papers 12035, Institute of Labor Economics (IZA), http://ftp.iza.org/dp12035.pdf

Belitz, H., Eickelpasch, A., Mouel, M.L., Schiersch, A. (2018): „Wissensbasiertes Kapital in Deutschland: Analyse zu Produktivitäts- und Wachstumseffekten und Erstellung eines Indikatorsystems.“ Studie im Auftrag des Bundesminis­teriums für Wirtschaft und Energie.
www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/wissensbasiertes-kapital-in-deutschland.html

Coase, R. H. (1937): „The Nature of the Firm“; Economica, Band 4, Heft Nr. 16, November 1937, S. 386 – 405.
https://doi.org/10.1111/j.1468-0335.1937.tb00002.x

Gal, P., Nicoletti, G., Renault, T., Sorbe, S., Timilotis, C. (2019): „Digitalisation and productivity: In search of the holy grail – Firm-level empirical evidence from EU countries“, OECD Economics Department Working Papers, Nr. 1533, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/5080f4b6-en

Kaldor, N. (1934): „The Equilibrium of the Firm“; The Economic Journal, Band 44, Heft Nr. 173 (März 1934), S. 60 – 76.
https://doi.org/10.2307/2224727

OECD (2018): OECD Employment Outlook 2018, OECD Publishing, Paris. http://dx.doi.org/10.1787/empl_outlook-2018-en

Robinson, A. (1934): „The Problem of Management and the Size of Firms”; The Economic Journal, Band 44, Heft Nr. 174 (Juni 1934), S. 242 – 257. https://doi.org/10.2307/2224765

Kontakt: Juliane Stolle
Referat: Wirtschaftspolitische Analyse
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[1] Gewerbliche Dienstleistungen enthalten folgende Gütergruppen: Einzel- und Großhandel, Reparatur von Kraftfahrzeugen und Motorrädern; Verkehr und Lagerei; Unterbringung und Gastgewerbe; Informations- und Kommunikationstechnik; freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen. Finanzdienstleistungen sind nicht enthalten. Das Grundstücks- und Wohnungswesen wurde aufgrund stark abweichender Entwicklungen nicht eingerechnet.

Weiterführende Informationen

Einflussfaktoren auf die gewerbliche Investitionsdynamik

Welche Faktoren bestimmen die sehr volatile Entwicklung der Investitionen? Dieser Frage wird in diesem Artikel nachgegangen. Dabei wird die kurzfristige Änderung der gewerblichen Investitionsquote untersucht. Etwa 70 Prozent einer solchen Entwicklung kann durch die Faktoren Erwartung, Kapazitätsauslastung, technologischer Investitionsbedarf in den Unternehmen sowie Unsicherheit erklärt werden.

Münzen, Zahlen und Grafik auf einem Tisch

© iStock.com/ ipopba

Entwicklung der gewerblichen Investitionsquote

Die Entwicklung der Investitionen ist von zentraler Bedeutung für die kurzfristige konjunkturelle Dynamik und die langfristigen Wachstumsperspektiven. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei die gewerblichen Investitionen, die nach der Definition der Deutschen Bundesbank den privaten Investitionen ohne Wohnungsbau entsprechen. Die gewerblichen Investitionen haben einen Anteil von etwa 60 Prozent an den gesamten Bruttoanlageinvestitionen. Betrachtet man die zyklischen Schwankungen der gesamten Bruttoanlageinvestitionen, zeigt sich, dass der Beitrag der gewerblichen Investitionen an diesen Schwankungen erheblich ist. So ging zum Beispiel vor und während der Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2010 nahezu die gesamte Änderung der Bruttoanlageinvestitionen auf Änderungen der gewerblichen Investitionen zurück (siehe Abbildung 1). Die nicht-gewerblichen Investitionen – staatliche Investitionen und der private Wohnungsbau – waren in der Summe weniger bestimmend.

Investitionen sind nicht ausschließlich zukunftsgerichtet. In Unternehmen müssen permanent Investitionen getätigt werden, um den Verschleiß des Kapitalstocks auszugleichen. Gerade in Zeiten starker Kapazitätsauslastung dürfte der Verschleiß zunehmen; es werden außerdem Erweiterungsinvestitionen getätigt. Demnach besteht ein starker Zusammenhang zwischen der gesamtwirtschaftlichen Investitionsentwicklung und der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, der in der ökonomischen Literatur als sog. „Akzelerator­modell“ bekannt ist.1 Die starke Zyklik der gewerblichen Investitionen dürfte also vor allem ein Ergebnis der schwankenden Geschäftslage der Unternehmen sein.

Doch es gibt neben der aktuellen Geschäftslage noch weitere Faktoren, die die Höhe und Entwicklung der gewerblichen Investitionen beeinflussen. Dies ist anhand der gewerblichen Investitionsquote ersichtlich: Die gewerbliche Investitionsquote entspricht dem Anteil der gewerblichen Investitionen an der Bruttowertschöpfung der privatwirtschaftlich dominierten Wirtschaftszweige.2 Wenn die Investitionstätigkeit sich ausschließlich an der Änderung der Geschäftslage orientieren würde, dann müssten die Investitionen sich im gleichen Maße ändern wie die Bruttowertschöpfung. Die gewerbliche Investitionsquote müsste demnach über die Zeit hinweg relativ konstant sein. Stattdessen beobachtet man aber gerade in Aufschwungsphasen einen starken Anstieg der Investitionsquote und in wirtschaftlichen Schwächephasen ein Sinken (siehe Abbildung 2). Dies bedeutet, dass die Investitionen in der Vergangenheit viel stärker schwankten, als es die Entwicklung der aktuellen Geschäftslage implizieren würde.

So waren nach der deutschen Wiedervereinigung, während des IT-Booms um das Jahr 2000 und im Zuge des weltwirtschaftlichen Aufschwungs bis zum Jahr 2008 starke Anstiege der gewerblichen Investitionsquote zu verzeichnen. Seit der Finanzkrise sind die zyklischen Schwankungen der Investitionsquote nicht mehr so stark ausgeprägt, erst am aktuellen Rand ist die reale Investitionsquote wieder merklich über den langfristigen Durchschnittswert gestiegen. Dennoch bleibt die Investitionsquote unter den Spitzenwerten der vorigen Aufschwünge.

Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der realen und der nomi­nalen Investitionsquote. Bei der nominalen Investitionsquote werden die Investitionen und Bruttowertschöpfung in jeweiligen Preisen ausgedrückt. Der Anteil der nominalen Investitionen an der nominalen Bruttowertschöpfung ist langfristig rückläufig, sodass sich hier ein fallender Trend ergibt. Dieser fallende Trend resultiert allerdings maßgeblich aus unterschiedlichen Preisentwicklungen zwischen Bruttowertschöpfung und Investitionen: So lag die durchschnittliche Preissteigerung bei der gewerblichen Bruttowertschöpfung seit dem Jahr 1991 bei 1,2 Prozent. Die jährliche Preissteigerung bei gewerblichen Investitionen lag im selben Zeitraum hingegen nur bei 0,5 Prozent, was unter anderem auf die schwache Preisdynamik bei den importierten Investitionsgütern zurückgeht. So sind die Importpreise für Investitionsgüter in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt um etwa ein Prozent pro Jahr gesunken. Abstrahiert man von diesen Preiseffekten, ergibt sich die reale Investitionsquote. Bei dieser ist allerdings kein fallender Trend ersichtlich.

Abbildung 2:  Entwicklung der gewerblichen Investitionsquote in Deutschland Bild vergrößern: Abbildung 2: Entwicklung der gewerblichen Investitionsquote in Deutschland

Abbildung 2: Entwicklung der gewerblichen Investitionsquote in Deutschland

© Deutsche Bundesbank

Einfluss der Investitionsneigung auf die gesamte Investitionsentwicklung

Wie oben erwähnt, kann die gewerbliche Investitionsentwicklung in zwei Komponenten zerlegt werden: die erforderlichen Investitionen in Abhängigkeit von der Geschäftslage und die darüber hinausgehenden Einflussfaktoren, welche sich in einer Änderung der Investitionsquote zeigen. Diese Änderung wird dabei als Äquivalent für die kurzfristige zyklische Investitionsneigung der Unternehmen betrachtet. Die jeweiligen Beiträge dieser Komponenten zur gewerblichen Investitionsentwicklung sind in Abbildung 3 dargestellt. Insbesondere während der Eurokrise in den Jahren 2012 und 2013 wird der Beitrag der Investitionsneigung deutlich: Allein aus geschäftlicher Sicht wäre eine Investitionsausweitung gerechtfertigt gewesen (blaue Balken), da die Bruttowertschöpfung in beiden Jahren expandierte. Dennoch sind die realen gewerblichen Investitionen in beiden Jahren gesunken, da die Investitionsneigung deutlich zurückging (rote Balken). In den Folgejahren bis zum Jahr 2018 haben die gewerblichen Investitionen dann wiederum etwas stärker als die Bruttowertschöpfung zugenommen, da sich die Investitionsneigung erhöht hat.

Bestimmungsfaktoren der Investitionsneigung

Doch welche ökonomischen Faktoren stehen hinter der Änderung der Investitionsneigung? Um dieser Frage nachzugehen, wird eine lineare Regression geschätzt, in der die Änderung der realen Investitionsquote erklärt werden soll (rote Balken in Abbildung 3).3

Als erklärende Variablen werden die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung sowie die Geschäftserwartungen der Industrie und des Handels vom ifo Institut herangezogen. Eine steigende Kapazitätsauslastung sollte durch höheren Verschleiß die Ersatzinvestitionen anregen und Erweiterungsinvestitionen begünstigen. Bessere Geschäftserwartungen dürften die Absatzerwartungen erhöhen und sich somit ebenfalls positiv auf die Investitionsneigung auswirken.

Gerade im Zusammenhang mit der Euroschuldenkrise wurde die Bedeutung der Unsicherheit für die Investitionsentscheidung hervorgehoben. Bei hoher Unsicherheit werden Investitionsentscheidungen häufig aufgeschoben, was sich in einer niedrigeren Investitionsneigung widerspiegeln sollte. Als Unsicherheitsmaß wird in der Regression hier die Spreizung der gesammelten Geschäftserwartungen des ifo Index verwendet (bei hoher Unsicherheit sollten sich die Erwartungen zwischen den Befragten besonders stark unterscheiden). Neben den konjunkturellen Faktoren gibt es auch Investitionsbedarf durch neue Technologien. Inwiefern neue Technologien bei der Investitionsplanung entscheidend sind, wird vom ifo Institut im Rahmen des ifo Investitionstests jährlich erfragt.

Die Ergebnisse der Regression werden in Tabelle 1 dargestellt. Alle Koeffizienten haben das erwartete Vorzeichen: Bei einem Anstieg der Kapazitätsauslastung steigt die Investitionsquote, ebenso bei einem Anstieg der Erwartungen. Bei einer erhöhten Unsicherheit sinkt die Investitionsquote hingegen. Bei einem Anstieg der Investitionsplanungen in neue Technologien steigt die Investitionsquote ebenfalls. Alle Koeffizienten sind mit robusten Standardfehlern mindestens auf dem Zehn-Prozent-Niveau signifikant.4 Das eher einfache Modell kann knapp 70 Prozent der Variation in der realen Investitionsquote erklären.

Die finale Modellspezifikation beinhaltet keine Zinsen als erklärende Variablen, da die Schätzung einen insignifikant positiven Zusammenhang zwischen Zinsen und Investitionsquote ergab. Dieses grundsätzlich kontraintuitive Ergebnis findet sich häufiger in der Literatur.5 Eine mögliche Erklärung ist, dass Zinsen in ökonomisch guten Zeiten ange­hoben werden. Die kausale Einflussgröße ist demnach das Wirtschaftswachstum, welches einen gleichzeitigen Zins- und Investitionsanstieg bedingt.

Basierend auf den Regressionsergebnissen lässt sich der Einfluss der einzelnen Faktoren auf die jeweilige Änderung der Investitionsquote bestimmen (siehe Abbildung 4). Die tatsächliche Änderung der Investitionsquote ergibt sich demnach aus der Summe der einzelnen Erklärungsbeiträge zuzüglich dem nicht erklärten Residuum. Zur besseren Lesbarkeit erfolgt die Darstellung in Jahresdurchschnitten.

Wie die Abbildung zeigt, ist die Entwicklung der Investitionsquote insbesondere durch die Unsicherheit und Erwartungen bedingt.6 So kann zum Beispiel im Jahr 2009 der Anstieg der Unsicherheit nahezu die Hälfte des Rückgangs der Investitionsquote erklären. Auch im Jahr 2013 – zum Zeitpunkt der Euro-Schuldenkrise – hat der Anstieg der Unsicherheit die Investitionstätigkeit merklich gedämpft. An konjunkturellen Wendepunkten spielen zudem Änderungen der Kapazitätsauslastung eine große Rolle.

Grundsätzlich ist das einfache Modell in der Lage, die kurzfristigen Änderungen der Investitionsneigung, besonders in den letzten Jahren, relativ gut abzubilden. In der Zeit vor der Finanzkrise können die starken Änderungen der Investitionsneigung jedoch nicht vollständig durch das Modell erklärt werden und es verbleiben große Residuen. Zudem werden strukturelle Einflussfaktoren auf die Investitionsquote nicht erfasst. Für eine solche Analyse wäre zum Beispiel ein längerfristiger Vergleich mit anderen Ländern nützlich.

Abbildung 3: Beitrag der Konjunktur und der Investitionsneigung zur gesamten Investitionsentwicklung Bild vergrößern: Abbildung 3: Beitrag der Konjunktur und der Investitionsneigung zur gesamten Investitionsentwicklung

Abbildung 3: Beitrag der Konjunktur und der Investitionsneigung zur gesamten Investitionsentwicklung

© Deutsche Bundesbank; eigene Berechnungen.

Abbildung 4: Einflussfaktoren auf die Investitionsquote [7] Bild vergrößern: Abbildung 4: Einflussfaktoren auf die Investitionsquote [7]

Abbildung 4: Einflussfaktoren auf die Investitionsquote [7]

© Deutsche Bundesbank; eigene Berechnungen.

Kontakt: Dr. Wolfram Wilde
Referat: Internationale Wirtschafts- und Währungsfragen


Tabelle 1: Ergebnisse der Regression

VariableKoeffizient
Änderung der
Kapazitätsauslastung
0,06 ***
Änderung der Erwartungen0,02 *
Änderung der Unsicherheit-0,07 **
Änderung des
Investitionsmotivs Technologie
0,02 *
Beobachtungen77
Korrigiertes Bestimmungsmaß0,67

Signifikanz des Koeffizienten: * 10 % Niveau, ** 5 % Niveau, *** 1 % Niveau
Die abhängige Variable ist die Änderung der realen Investitionsquote gegenüber dem Vorjahr. Alle erklärenden Variablen sind ebenfalls in Änderungen gegenüber dem Vorjahresquartal in Prozentpunkten aus­gedrückt. Schätzzeitraum: 2000:Q1 bis 2019:Q1 mittels OLS. Um den Prozess zwischen Investitionsentscheidung und vollständiger Umsetzung in den VGR abzubilden, werden alle Variablen mit einer Verzögerung von einem Quartal in die Regression aufgenommen. Die Angaben zu Technologieinvestitionen als Motiv für Investitionsentscheidungen wurden von Jahresdaten auf Quartals­daten linear interpoliert. Der Varianzinflationsfaktor für die Regressoren liegt im Maximum bei 2,3.

[1] Knox, A. D. (1970). „The Acceleration Principle and the Theory of Investment: A Survey.“ In: Shapiro, Edward (ed.). Macroeconomics: Selected Readings. New York: Harcourt, Brace & World. pp. 49 – 74.
[2] Dies entspricht der Summe aus der Wertschöpfung der Wirtschaftszweige: Produzierendes Gewerbe, Handel-, Verkehr- und Gastgewerbe, Infor­mation und Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleister, Grundstücks- und Wohnungswesen sowie Unternehmensdienstleister.
[3] Konkret wird die Änderung der Investitionsquote gegenüber dem Vorjahresquartal betrachtet.
[4] Die Standardfehler zur Ermittlung der Signifikanz sind gegen Heteroskedastizität und Autokorrelation robust.
[5] Sharpe, S. and Suarez, G. (2014): „The insensitivity of investment to interest rates: Evidence from a survey of CFOs“. Finance and Economic Discussion Series, Federal Reserve Board.
[6] Auch wenn das Maß für die Erwartungen und Unsicherheit aus den Erwartungen der vom ifo Institut befragten Unternehmen gewonnen wird, so sind es doch verschiedene Faktoren. Der Korrelationskoeffizient zwischen beiden Größen liegt bei -0.33.
[7] Das Residuum fasst Änderungen der Investitionsquote zusammen, die nicht durch das Regressionsmodell erklärt werden. Zur übersichtlicheren Darstellung wurden die Beiträge von Residuum und Konstante zusammengefasst. Mit Technologie ist die Investitionsplanung der Unternehmen aufgrund der Einführung neuer Technologien gemeint.

Weiterführende Informationen

Internationale Energiewende-Konferenz – erneuerbare Energien haben großes Potenzial

Energiewende muss global gedacht werden

Menschen auf einer Veranstaltung

© Berlin Energy Transition Dialogue

Die Chancen und Herausforderungen der globalen Energiewende waren Thema der 5. Internationalen Energiewendekonferenz „Berlin Energy Transition Dialogue“ (BETD) am 9. und 10. April in Berlin. Die Rekordbeteiligung am Dialog über die entscheidende nächste Phase der Energiewende zeigte das international außerordentlich große Interesse. Die Teilnehmer waren sich einig: Die globale Energiewende kann nur in Zusammenarbeit gelingen.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier betonte in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung einer internationalen Sicht auf die Energiewende. [1] Er sagte vor rund 2.000 Teilnehmern aus 90 Ländern, darunter 50 Minister von allen Kontinenten, dass eine erfolgreiche Energiewende global und ganzheitlich gedacht werden müsse. Dazu gehöre auch, so Altmaier weiter, die sozio-ökonomische Komponente stets mit zu berücksichtigen. Eine intensive internationale Zusammenarbeit sei weiterhin unerlässlich.

Außenminister Heiko Maas, der die Konferenz gemeinsam mit Peter Altmaier eröffnete, betonte, in der Energiewende stecke mehr als nur der Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energie: „Sie verschiebt auch politische Grundkonstanten. Durch den Einsatz erneuerbarer Energien versetzen sich Staaten in die Lage, ihre eigene Energiesicherheit zu erhöhen und ihre strategischen und außenpolitischen Interessen unabhängiger zu verfolgen“, sagte der Außenminister.

Welche geopolitischen Entwicklungen sich aus der Energiewende ergeben, wie diese in allen Sektoren gelingen kann und wie der Strukturwandel sozialverträglich gestaltet werden kann, wurde zwei Tage lang intensiv beleuchtet.

Wind- und Sonnenenergie könnten den weltweiten Strombedarf 2050 weitestgehend decken

Richtungsweisende Antworten auf diese drängenden Fragen gibt die Studie „Global Energy Transformation: A Roadmap to 2050“ der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA), die im Vorfeld der Konferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Darin zeigt die IRENA, wie eine klimasichere Zukunft aussehen kann und welches Potenzial in den erneuerbaren Energien steckt. „Sie sind die am effektivsten und schnellsten verfügbare Möglichkeit, um den Trend steigender Kohlendioxid-Emissionen umzukehren“, sagte der neue Generaldirektor der IRENA, Francesco La Camera. Demnach könnten erneuerbare Energien, schwerpunktmäßig Sonne und Wind, bis 2050 einen Anteil von 86 Prozent der weltweiten Stromerzeugungskapazität stellen. Dazu müssten die Staaten aber jetzt einen klaren Kurs in Richtung Ausbau der erneuerbaren Energien einschlagen. Derzeit beträgt der Anteil erneuerbarer Energien etwa 25 Prozent an der weltweiten Stromerzeugungskapazität.

Eine schnelle Energiewende sei auch wirtschaftlich sinnvoll, so die IRENA. Der Studie zufolge könnte die Weltwirtschaft bei sofortigem Handeln bis 2050 bis zu 160 Billionen US-Dollar an Gesundheitskosten, Klimaschäden und Energiesubventionen einsparen. Jeder Dollar, der für die Energiewende ausgegeben wird, zahle sich bis zu sieben Mal aus, bezifferte Francesco La Camera die finanziellen Dimensionen in seiner Rede. Der Umbau des Energiesystems biete die Chance auf mehr Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand. Der jüngsten IRENA-Studie „Renewable Energy and Jobs – Annual Review 2019“ zufolge sorgen erneuerbare Energien weltweit für elf Millionen Arbeitsplätze. In Deutschland arbeiten heute fast 300.000 Menschen in diesem Bereich.

Die konsequente Ausrichtung auf Ökostrom sei nötig, um die weltweiten CO2-Emissionen drastisch zu senken und das Wirtschaftswachstum zu steigern, so das Fazit der Studie. Strom aus erneuerbaren Energien müsse zum weltweit wichtigsten Energieträger werden. Entscheidende Gründe für den Anstieg des Stromverbrauchs seien der Ausbau der Elektromobilität (für 2050 werden eine Milliarde Elektroautos weltweit erwartet), eine steigende Stromnachfrage aus dem Wärme- und Kältesektor, weil zunehmend mit elektrischen Wärmepumpen geheizt und mehr Klimaanlagen genutzt würden, und die Erzeugung von grünem Wasserstoff aus Ökostrom („Power-to-Gas“-Technologie). Die Technologien dafür seien „sicher, verlässlich, günstig und verfügbar“, sagte La Camera.

Internationale Energieagentur fordert „konsequentes Handeln“

Mit Blick auf die Energiedaten für 2018 verwies der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, auf die große Kluft zwischen politischen Bekundungen und realen Entwicklungen im Energiesektor. Er wandte sich direkt an die politischen Vertreter und mahnte ein entschlosseneres Vorgehen an. 70 Prozent des weltweiten Energiebedarfs, der neben dem Stromverbrauch auch Energieverbrauch für Heizen und Kühlen und im Transportsektor einbezieht, wurden im vergangenen Jahr noch durch fossile Brennstoffe gedeckt. In der Folge habe auch der globale CO2-Ausstoß im letzten Jahr weiter zugenommen, erklärte er. Künftig wollen IRENA und IEA ihre Zusammenarbeit weiter verstärken, damit es mit der globalen Energiewende vorangeht. Dazu unterzeichneten sie im Rahmen der Konferenz eine gemeinsame Absichtserklärung.

Neue Energiepartnerschaften mit Chile und Jordanien

Minister Altmaier besiegelte am Rande des BETD zudem zwei neue bilaterale Energiepartnerschaften mit Chile und mit Jordanien. Mit solchen Partnerschaften will die Bundesregierung den Ausbau erneuerbarer Energien und die Verbreitung effizienter Energietechnologien weltweit fördern. Sie sind ein wichtiges Instrument, um sich mit Partnerländern kontinuierlich zu politischen und wirtschaftlichen Themen der Energiewende auszutauschen.

Rund 20 solcher Energiepartnerschaften unterhält Deutschland bereits, unter anderen mit Brasilien, China, Indien, Mexiko, Südafrika und den nordafrikanischen Staaten Algerien, Marokko und Tunesien. Chile und Jordanien haben durch ihre geografische Lage großes Potenzial für Strom aus Photovoltaik und anderen erneuerbaren Energien. Um diese Potenziale zu nutzen, soll in Jordanien vor allem die Modernisierung des Energiesektors vorangebracht werden. Mit Chile ist eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieeffizienz geplant. Das Land plant ebenso wie Deutschland den Kohleausstieg.

SET-Award: Innovative Ideen für Energiewende und Klimaschutz

Essenziell für das Gelingen einer weltweiten Energiewende ist auch der Austausch international besonders gelungener Ideen und neuer Lösungen. Fünf Paradebeispiele für innovative und wirkungsvolle Geschäftsmodelle in den Bereichen Energiewende und Klimaschutz liefern die Preisträger des Start Up Energy Transition (SET) Award 2019, der am 9. April im Rahmen des BETD von der Deutschen Energie-Agentur verliehen wurde. SET ist eine weltweite Initiative, die Start-ups mit anderen Unternehmen und Investoren vernetzt. Beworben hatten sich 450 Unternehmen aus 80 Ländern. Die fünf Preisträger des SET-Awards kamen aus Australien, Deutschland, Schweden und Uganda (in zwei Kategorien). Das australische Start-up Planet Ark Power wurde in der Kategorie „Intelligente Netze, Plattformen und Cybersicherheit“ ausgezeichnet. Es hat eine Methode entwickelt, mit der die Spannung direkt an der Quelle der Stromerzeugung geregelt werden kann. Dadurch kommt es nicht mehr zu Schwankungen im Netz, was sonst bei einem hohen Anteil an dezentral einspeisenden Photovoltaikanlagen häufig passiert. Hierdurch kann der Verteilnetzbau optimal angepasst werden und letztlich mehr Solarstrom in das Verteilernetz integriert werden. Das Berliner Unternehmen Enapter sicherte sich den Preis in der Kategorie „Emissionsarme Energieproduktion“ für seine effizienten Wasserstoffgenera­toren, mit denen durch Elektrolyse eine sichere und flexible Produktion von Wasserstoff möglich ist. Der so produzierte Wasserstoff kann etwa als Energiespeicher, Kraftstoff in Fahrzeugen oder als Brennstoff zum Heizen genutzt werden. Die Technologie ist besonders wertvoll in Regionen, in denen eine direkte Nutzung erneuerbar produzierten Stroms nicht möglich ist. Ziel des Unternehmens ist es, aus erneuerbaren Energien hergestellten emissionsarmen Wasserstoff günstiger als Erdgas zu machen.

Der 6. Berlin Energy Transition Dialogue wird im Frühjahr 2020 stattfinden.

Kontakt: Dr. Falk Bömeke
Referat: Grundsatzfragen der internationalen Energiezusammenarbeit, multilaterale Energiekooperation

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