Titelbild zum Artikel "Im Dialog mit der deutschen Tourismusbranche – die Nationale Plattform Zukunft des Tourismus"

© iStock

Wie wollen wir in Zeiten des Klimawandels reisen? Wie finden wir motiviertes und gut ausgebildetes Personal für Gastronomie und Hotels? Wie nutzen wir kluge Chancen der Digitalisierung in einer Branche, die besonders von Klein- und Kleinstunternehmen geprägt ist? Wie vermeiden wir Overtourism und lenken Besucherströme in den beliebten touristischen Zielgebieten? Wie zeigen wir unseren Gästen aus aller Welt, dass sie in Deutschland willkommen sind? Und: Wer sind wir?

Nur im Schulterschluss vieler Akteure können die drängenden Fragen rund um den Tourismus der Zukunft aufgegriffen werden: von der klimafreundlichen Mobilität über den Umgang mit KI und die Gewinnung motivierter Arbeitskräfte bis hin zur Barrierefreiheit des Reisens oder zur Erreichbarkeit ländlicher Regionen. Deshalb hat die Bundesregierung im Mai 2023 die „Nationale Plattform Zukunft des Tourismus (NPZT)“ ins Leben gerufen. Diese vernetzt zahlreiche Akteure aus der Politik von Bund und Ländern, aus der Branche selbst und aus der Wissenschaft unter einem Dach und entwickelt die Nationale Tourismusstrategie durch konkrete Initiativen weiter. Die NPZT trägt der Bedeutung des Tourismus Rechnung, der in Deutschland regelmäßig rund 4 Prozent zur Bruttowertschöpfung beiträgt.

Wie die NPZT arbeitet

Um die Initiativen, die von den mitwirkenden Akteuren in die Plattform eingebracht wurden, zu vernetzen und in die Fläche zu tragen, kommen Expertinnen und Experten in Arbeitsgruppen zusammen – eine für jedes der vier Zukunftsfelder (1) Klimaneutralität/Umwelt- und Naturschutz, (2) Digitalisierung, (3) Arbeitskräftesicherung und -gewinnung sowie (4) Wettbewerbsfähigkeit. Seit dem Startschuss im Mai 2023 wurden bereits 25 Initiativen in die Plattformarbeit aufgenommen. Ein hochrangig besetzter Lenkungskreis steuert die NPZT. Er berät über die Arbeitsergebnisse aus den Arbeitsgruppen, entscheidet über die Aufnahme neuer Initiativen und sorgt als Multiplikator dafür, dass die Initiativen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Im September 2023 hat sich der Lenkungskreis auf die grundlegende strategische und organisatorische Ausrichtung der NPZT verständigt.1

Die Arbeitsgruppe Klimaneutralität/ Umwelt- und Naturschutz

Der Tourismus als wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft ist gefordert, einen spürbaren Beitrag zum Ziel der Klimaneutralität zu leisten. Zudem liegt der Schutz von Klima und Umwelt im ureigenen Interesse der Tourismuswirtschaft, denn er hilft, ihre Existenzgrundlage langfristig zu erhalten. Entsprechend setzt die AG Klimaneutralität/Umwelt- und Naturschutz auf die folgenden Initiativen:

  • bessere Vergleichbarkeit und gemeinsame Standards bei den Datengrundlagen zu tourismusbezogenen Treibhausgasemissionen;
  • klimaschonende und nachhaltige Gestaltung von Urlaubs- und Freizeitgastronomie;
  • aussagekräftige Grundlagen für eine adäquate Ladeinfrastruktur in Tourismusregionen;
  • Ausbau einer bestehenden Energiekampagne im Gastgewerbe;
  • bessere Erfassung von Mobilitätsdaten und Mobilitätsbedürfnissen von Reisenden;
  • stärkere Nutzung des umweltfreundlichen Schienenverkehrs als Zubringer bei Flugreisen sowie
  • Erhalt eines qualitativ hochwertigen Wanderangebots in Deutschland, das die Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigt und die Chancen der Digitalisierung nutzt.

Ein Beispiel für gute Fortschritte: Das Initiativenbündel zur Berechnung von Treibhausgasemissionen in der Tourismuswirtschaft

Die Tourismuswirtschaft steckt mitten in der nachhaltigen Transformation. Zahlreiche Projekte arbeiten deshalb an der Messung und Reduktion von Emissionen. Einige dieser Projekte haben sich in einem Initiativenbündel zusammengeschlossen, um gemeinsame Standards zur Berechnung von Treibhausgasemissionen zu etablieren. Mit einer solchen übersichtlichen Datengrundlage können Reisende besser für die Emissionen ihrer Reisen sensibilisiert werden und die Tourismuswirtschaft kann ihre klimafreundlichen Angebote noch effektiver gestalten. Aktuell sind die Beteiligten dabei, die existierenden Emissionsberechnungsmethoden zu vergleichen und daraus Empfehlungen für einheitliche Grundlagen abzuleiten.

Die Arbeitsgruppe Arbeitskräftesicherung
und -gewinnung

Der Tourismus ist eine Dienstleistungsbranche und somit auf motivierte und qualifizierte Mitarbeitende angewiesen. Gerade in der Pandemie trat jedoch offen zutage, dass Arbeitskräfte im Tourismus knapp sind. Die AG zur Arbeitskräftesicherung und -gewinnung möchte u. a. mit folgenden Initiativen einen Beitrag leisten, Potenziale sowohl im In- als auch im Ausland zu heben:

  • internationale Fachkräfte aus Vietnam, Brasilien und Indien gewinnen und an IHK-Unternehmen in Deutschland vermitteln;
  • das touristische Berufsbildungsangebot durch Vermittlung deutscher Sprachkenntnisse in ausländischen Destinationen ergänzen – mit Usbekistan als Pilotregion;
  • ein bestehendes Projekt des DEHOGA Thüringen zur Fachkräfteeinwanderung mit weiteren inländischen Akteuren vernetzen sowie ungenutzte Fördermöglichkeiten auf EU-Ebene erschließen;
  • Arbeitskräfte in der ländlichen Region über Netzwerke und intensives Außenmarketing für das lokale Gastgewerbe gewinnen und an die Betriebe binden;
  • an- und ungelernte Personen mit Hilfe von Teilqualifikationen zu Fachkräften weiterqualifizieren.

Für die künftige Arbeit hat sich diese AG zudem vorgenommen, bestehende Programme und Maßnahmen, mit denen Unternehmen bei der Arbeitskräftegewinnung unterstützt werden sollen, bei den Unternehmen bekannter zu machen sowie gemeinsam mit der AG Digitalisierung darauf hinzuwirken, dass Visaverfahren vereinfacht und beschleunigt werden.

Ein Beispiel für gute Fortschritte: Fachkräftegewinnung durch Kooperation (Deutscher Reiseverband)

Gut ausgebildetes Personal an internationalen Reisezielen, das die deutsche Sprache beherrscht – davon können nicht nur Gastbetriebe im Ausland mit deutscher Kundschaft profitieren, sondern auch Betriebe in Deutschland, die dringend nach Arbeitskräften suchen. Die deutsche Reisewirtschaft hat deshalb mit Partnern wie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Pilotprojekt in einer Berufsschule in Usbekistan mit begleitender Sprachausbildung auf den Weg gebracht. Finanziert wird das Vorhaben über Sponsorengelder aus der Branche.

Die Arbeitsgruppe Digitalisierung

Die Arbeitsgruppe Digitalisierung will der durch kleine und mittlere Unternehmen geprägten Tourismuswirtschaft die Nutzung digitaler Daten und Tools näherbringen, damit sie daraus einen Mehrwert ziehen kann. Ein Schwerpunkt ist, eine breit nutzbare Open-Data-Plattform zu schaffen, die relevante Daten aus Hotellerie, Geschäftsreise und Wissenschaft zusammenführt. Eine weitere Initiative baut direkt darauf auf und identifiziert Anwendungsmöglichkeiten für die Nutzung von Open Data durch touristische Anbieter.

Darüber hinaus beschäftigt sich die AG mit Initiativen, die

  • Meldeprozesse und Gastbeitragssysteme in einem schlanken, digitalen System intelligent vernetzen;
  • die Naturerlebnisinfrastruktur in Deutschland digitalisieren und dort eine digitale Besucherlenkung etablieren;
  • die notwendigen technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen definieren, damit digitale Brieftaschen im Tourismus genutzt werden können;
  • den kleinen und mittleren Unternehmen im Tourismus mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Tourismus eine Anlaufstelle bieten, wo sie praktische Zugänge zu Informationen, Fachwissen, digitalen Technologien, Tools und Mentoring finden können;
  • ein Blockchain-Datennetzwerk mit ganz konkreten Anwendungsfällen entwickeln.

Bild zum Artikel "Im Dialog mit der deutschen Tourismusbranche – die Nationale Plattform Zukunft des Tourismus"

© iStock

Ein Beispiel für gute Fortschritte: Vernetzung und Digitalisierung von Gastbeitragssystemen (Hotellerieverband IHA gemeinsam mit vielen anderen Akteuren)

Mit dem Bürokratieentlastungsgesetz IV sollen die besonderen Meldepflichten für Inländerinnen und Inländer in Beherbergungsbetrieben entfallen – ein guter Anlass, die Erfüllung statistischer Berichtspflichten und die Erhebung kommunaler Gastbeiträge neu aufzusetzen. Für spürbaren Bürokratieabbau sollen die bisherigen regionalen Verfahren vereinheitlicht und digitalisiert werden. Über die Plattform werden dazu die notwendigen Verwaltungsebenen – Länder und Kommunen – mit der Branche und den Technologieanbietern vernetzt.

Die AG ist bereits dabei, weitere Ideen direkt in neue Initiativen fließen zu lassen. Ganz konkret geht es zum Beispiel darum, kleine und mittlere Unternehmen im Tourismus noch besser für die Notwendigkeit eines klugen Datenmanagements zu sensibilisieren und einen bundesweit technisch einheitlichen Rahmen zu entwerfen, nach dem sich Kurzzeitvermieterinnen und -vermieter registrieren.2

Die Arbeitsgruppe Wettbewerbsfähigkeit

Um die Wettbewerbsfähigkeit der Tourismuswirtschaft zu stärken, müssen zahlreiche Herausforderungen adressiert werden. Die Arbeitsgruppe arbeitet daran, deutsche Reiseziele noch attraktiver zu machen, barrierefreie touristische Angebote zu verbessern, Bürokratie abzubauen und den internationalen Reiseverkehr zu beleben. Entsprechend vielfältig sind die Initiativen in dieser AG; sie setzen aktuell folgende Schwerpunkte:

  • das Zertifizierungssystem „Reisen für Alle“ wird organisatorisch und inhaltlich neu aufgestellt;
  • das Potenzial von Jugendreisen soll mit zielgerichteter Kommunikation besser gehoben werden;
  • die Analyse der wirtschaftlichen Bedeutung des Ferienhausmarktes wird ausgebaut;
  • Kurorte sollen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit besser vermarktet werden;
  • Reisewirtschaft und Nichtregierungsorganisationen erschließen im Pilotmarkt Brasilien nachhaltige touristische Produkte für deutsche Reisende;
  • Stadt und Museumsraum in Rothenburg sollen mit Fokus auf Sehenswürdigkeiten des jüdischen Lebens besser verknüpft werden; gleichzeitig setzt die Initiative „Jüdisches Rothenburg“ ein Zeichen gegen Intoleranz und Antisemitismus und will dieses über ein Netzwerk mit Vereinen und Partnerstädten in die Breite tragen;
  • Vorschläge für eine passgenaue Tourismusfinanzierung und -förderung über alle Ebenen (EU, Bund, Länder) sind in der Planung, und
  • es wird ein Konzept erarbeitet, um die Tourismusforschung und -lehre bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Viele dieser Initiativen stehen noch am Anfang ihrer Arbeit. Es werden aber daneben bereits neue Initiativen entworfen: So will das BMWK einfachere Prozesse bei der Unternehmensnachfolge im Gastgewerbe mit einem Praxischeck vorantreiben. Nicht zuletzt will die Branche zum Thema Weltoffenheit in die Offensive gehen und mit einer breiten Kommunikationsstrategie Haltung zeigen.

Wie es weitergeht

Die NPZT ist als langfristiger Dialogprozess angelegt, sodass die gesamte Branche weiterhin innovative Ideen für Initiativen einreichen kann. Auch bereits abgeschlossene Initiativen können der Geschäftsstelle gemeldet und auf der Webseite der Plattform als Best Practices platziert werden. Ein Fortschrittsbericht, der Arbeitsfortschritte und Ergebnisse dokumentiert, erscheint im Herbst 2024.

KONTAKT & MEHR ZUM THEMA

Referat: VIID3 – Tourismuswirtschaft

schlaglichter@bmwk.bund.de

Website der NPZT: www.plattform-zukunft-tourismus.de

_________________

1 plattform-zukunft-tourismus.de/strategiepapier-des-lenkungskreises-zur-fortschreibung-der-nationalen-tourismusstrategie/

2 Dies soll auch dazu beitragen, die im Mai 2024 in Kraft getretene EU-Verordnung 2024/1028 „über die Erhebung und den Austausch von Daten im Zusammenhang mit Dienstleistungen im Bereich der kurzfristigen Vermietung von Unterkünften“ umzusetzen. Siehe dazu: www.bmwk.de/ Redaktion/DE/Schlaglichter-der-Wirtschaftspolitik/2024/06/08-neue-eu-regeln-kurzzeitige-vermietung.html.