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Stabil, aber glanzlos: Die Weltwirtschaft trudelt, aber taumelt nicht
Einleitung
IN KÜRZE
Seit ihren letzten Prognosen aus dem Frühjahr und Sommer des Jahres haben der Internationale Währungsfonds und die OECD ihre Einschätzungen zur Entwicklung der Weltwirtschaft kaum geändert. Die globale Projektion für das BIP-Wachstum schwankt sowohl kurz- als auch mittelfristig um die 3 %. Allerdings überdecken die stabilen globalen Aussichten sektorale und regionale Verschiebungen: Eine Verlagerung des Konsums weg von Waren und hin zu Dienstleistungen führt weltweit zu einer Belebung des Dienstleistungssektors, dämpft jedoch das Verarbeitende Gewerbe. Dessen Produktion verlagert sich zudem zunehmend in die Schwellenländer – insbesondere nach China und Indien –, gegenüber denen die etablierten Industriestaaten an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
Die jüngsten Prognosen für die Entwicklung der Weltwirtschaft gehen auf die Herbsttagung des IWF zurück, auf der am 22. Oktober der aktuelle World Economic Outlook veröffentlicht wurde. Mit 3,2 % in den Jahren 2024 und 2025 ist die Wachstumsprognose gegenüber den Projektionen vom Juli und April des Jahres praktisch unverändert. Die OECD, deren aktuellste Prognose vom 25. September datiert, erwartet für die Welt exakt dieselben Wachstumszahlen, was einer marginalen Anhebung für 2024 im Vergleich zur Mai-Prognose entspricht. Im Detail gab es jedoch Revisionen: Der IWF nahm Anhebungen der Prognose für die Vereinigten Staaten und Herabstufungen für andere fortgeschrittene Volkswirtschaften, insbesondere die großen europäischen Länder, vor. Auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern haben Produktionsunterbrechungen und stockender Transport von Rohstoffen – insbesondere von Öl –, Konflikte, zivile Unruhen und Extremwetterereignisse zu negativeren Einschätzungen geführt. Entsprechende Abwärtskorrekturen für den Nahen Osten und Zentralasien sowie für Afrika südlich der Sahara wurden durch Anhebungen der Prognosen für die asiatischen Schwellenländer ausgeglichen, wo die steigende Nachfrage nach Halbleitern und Elektronik, ihrerseits angetrieben durch erhebliche Investitionen in Künstliche Intelligenz, das Wachstum gestärkt hat.
Die Narben der Pandemie heilen unterschiedlich schnell, die Unsicherheit steigt wieder
In den letzten vier Jahren wurde die Weltwirtschaft auf eine harte Probe gestellt. Die Pandemie, der Ausbruch geopolitischer Konflikte und extreme Wetterereignisse haben Lieferketten unterbrochen, Energie- und Nahrungsmittelkrisen verursacht und den Regierungen einschneidende Maßnahmen zum Schutz von Leben und Existenzgrundlagen abverlangt. Die Weltwirtschaft hat sich insgesamt zwar als widerstandsfähig erwiesen. Dahinter verbergen sich jedoch ungleiche Entwicklungen in den Regionen und nach wie vor bestehende Schwachstellen.
Am deutlichsten sind die Unterschiede zwischen den fortgeschrittenen und den sich entwickelnden Volkswirtschaften. Während Erstere – mit Abstrichen bei den europäischen Ländern – die vor der Pandemie erwarteten Niveaus an wirtschaftlicher Aktivität wieder annähernd erreicht haben, weisen Schwellen- und Entwicklungsländer dauerhaftere Narben auf, mit weiterhin großen Produktionseinbußen und länger anhaltender Inflation. Sie bleiben auch anfälliger für Ausschläge bei den Rohstoffpreisen, wie sie auf den völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands in der Ukraine folgten.
Seit Anfang des Jahres gibt es aber Anzeichen dafür, dass Ungleichgewichte allmählich abgebaut werden. Die Güterpreise haben sich stabilisiert, einige sind sogar rückläufig. Die Inflation bei den Dienstleistungen ist in vielen Ländern aber nach wie vor hoch, was zum Teil auf rasche Lohnerhöhungen zurückzuführen ist, da die Löhne und Gehälter den Inflationsschub von 2021–22 immer noch nicht aufgeholt haben. Dies hat einige Zentralbanken bewogen, die Lockerung der Geldpolitik aufzuschieben. Insbesondere in Ländern, die hohe Kosten für den Schuldendienst aufbringen müssen und hohen Refinanzierungsbedarf haben, setzt dies die öffentlichen Finanzen unter Druck. So werden die globalen Aussichten maßgeblich von fiskal- und geldpolitischen Entscheidungen, ihren internationalen Auswirkungen, der Intensität der geoökonomischen Fragmentierungskräfte und der Fähigkeit der Regierungen, überfällige Strukturreformen durchzuführen, geprägt.
Mittelfristig mittelmäßig – geringes Wachstum dürfte auch die nächsten Jahre prägen
Ohne einen starken Impuls für Strukturreformen sieht der IWF beim Wachstum auch mittelfristig nur Mittelmaß. Strukturelle Herausforderungen wie die Alterung der Bevölkerung, schwache Investitionen und ein historisch niedriges Produktivitätswachstum bremsen das globale Wachstum weiterhin. Entsprechend liegt die Fünf-Jahres-Prognose für das globale Wachstum bei nur 3,1%, geringer als vor der Pandemie.
Die mittelfristigen Aussichten für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften sind gegenüber den vorangegangenen Projektionen unverändert. Obwohl eine Belebung der Investitionen und eine gewisse Normalisierung des Produktivitätswachstums erwartet wird, dürfte die anhaltende demografische Belastung dies konterkarieren. Für die Schwellen- und Entwicklungsländer sieht der IWF die mittelfristigen Aussichten ebenfalls nicht verbessert und immer noch viel schwächer als in den Projektionen vor der Pandemie. Dies spiegelt die erwähnte Narbenbildung durch die Schocks der letzten Jahre wider, insbesondere in den ärmeren Entwicklungsländern. Als mitursächlich gilt auch ein langsameres Tempo bei nötigen Strukturreformen, das das Produktivitätswachstum bremst.
Die Wachstumsverlangsamung in den größten Schwellen- und Entwicklungsländern bedeutet, dass es länger dauern wird, bis die Einkommensunterschiede zwischen armen und reichen Ländern abgebaut sind. Doch auch innerhalb der Volkswirtschaften dürfte sich die Einkommensungleichheit verschärfen, wenn das Wachstum weiter nur auf Sparflamme läuft.
Geopolitische Spannungen nehmen zu, aber die Auswirkungen auf den Welthandel bleiben bisher begrenzt
Trotz anhaltender geopolitischer Spannungen ist der Anteil des Welthandels am weltweiten BIP kaum zurückgegangen. Allerdings gibt es Anzeichen für eine geoökonomische Fragmentierung. Immer mehr Handel findet innerhalb von geopolitischen Blöcken statt (vgl. dazu den Beitrag zur Geoökonomiekonferenz im BMWK).
Vergleicht man die Durchschnittswerte für die Zeiträume 2017–2022 und 2022 bis zum ersten Quartal 2024, so zeigt sich, dass das Wachstum des Warenhandels zwischen geopolitisch weit entfernten Blöcken um etwa 2,5 Prozentpunkte stärker zurückgegangen ist, als innerhalb der Blöcke. Auch wenn eine Fragmentierung soweit sie mit einer Zunahme des Handels innerhalb von Blöcken einhergeht, nicht zwangsläufig Deglobalisierung bedeutet, so besteht dennoch die Gefahr, dass die Resilienz globaler Wertschöpfungsketten verringert wird, die Finanzierungskosten erhöht, Kapitalströme gestört, der Wissenstransfer zwischen fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften und Entwicklungsländern verlangsamt und die Kosten und Risiken für Unternehmen erhöht werden. Nicht zuletzt könnten auch die Kosten der ökologischen Transformation steigen.
Vor diesem Hintergrund ist das Handelswachstum zwar historisch niedrig, entspricht aber immerhin dem Produktionswachstum: Der IWF erwartet, dass der Welthandel weiterhin im Einklang mit dem BIP wächst und in den Jahren 2024 und 2025 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 3,25 % erreicht, nachdem er im Jahr 2023 nahezu stagniert hatte. Der Handel innerhalb von Blöcken und mit Drittländern hat die Fragmentierung bislang ausgleichen können.
Finanzmarktrisiken sind wieder auf der (erweiterten) Tagesordnung
Im August kam es weltweit an den Finanzmärkten zu erheblichen Turbulenzen, die den bis dahin stetigen und raschen Aufwärtstrend der Aktienmärkte unterbrachen. Schwächer als erwartet ausgefallene Arbeitsmarktdaten hatten die Besorgnis über eine mögliche Rezession in den Vereinigten Staaten geschürt und zu einer Korrektur an den Aktienmärkten geführt. In Verbindung mit der Entscheidung der japanischen Zentralbank, die Leitzinsen zu erhöhen, führte dies zu einer raschen Auflösung von in japanischen Yen finanzierten Carry Trades (eine Anlagestrategie, die auf der Ausnutzung von Zinsdifferenzen zwischen dem japanischen Yen und anderen Währungen basiert), was die Korrektur an den Aktienmärkten verstärkte.
Die Märkte haben sich allerdings rasch stabilisiert. Der Volatilitätsindex der Chicago Board Options Exchange ist nach einem Anstieg auf den höchsten Stand seit 2020 wieder gesunken.
Die Schwachstellen, die zum jüngsten Anstieg der Volatilität beigetragen haben, bleiben nach Ansicht des IWF jedoch bestehen. Dazu gehören die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Unsicherheit und Marktvolatilität sowie überzogene Aktienbewertungen, insbesondere im Technologiesektor.
Revidierte Markterwartungen in Bezug auf die US-Geldpolitik haben die Aufwertung des US-Dollars gegenüber den Währungen der wichtigsten fortgeschrittenen Volkswirtschaften gestoppt. Der Abwertungsdruck in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist jedoch nach wie vor hoch. Viele dieser Volkswirtschaften, die früher mit der Anhebung der Zinssätze begonnen haben, haben auch früher mit der Lockerung begonnen, was zu einer Verringerung der Unterschiede zwischen ihren Leitzinsen und denen der Vereinigten Staaten geführt hat. Für einige Schwellen- und Entwicklungsländer, die einen hohen kurzfristigen Außenfinanzierungsbedarf haben, haben sich die Renditeaufschläge („Spreads“) für Staatsanleihen seit April erhöht, was eine zusätzliche Herausforderung darstellt.
Obwohl sich nur wenige dieser Länder in einer Notlage befinden – definiert als Spreads von mehr als 1.000 Basispunkten –, zeigt die starke Abhängigkeit von kurzfristiger Außenfinanzierung die Anfälligkeit gegenüber plötzlichen Währungsschwankungen.
Die Inflationsentwicklung gibt (den einzigen) Anlass zur Zuversicht
Das insgesamt eher trübe weltwirtschaftliche Panorama wird durch die Erfolge bei der Inflationsbekämpfung etwas aufgehellt. Diese gelang bisher unter erfreulich geringen Einbußen bei der Beschäftigung, was durch einen schneller als erwarteten Rückgang der Energiepreise und einen Anstieg des Arbeitskräfteangebots, der auch von verstärkter Migration profitierte, unterstützt wurde. Allerdings liegt die Kerninflation bei den Dienstleistungspreisen in den wichtigsten fortgeschrittenen und aufstrebenden Volkswirtschaften (ohne die USA) noch immer etwa 50 % höher als vor der Pandemie.
Im Gegensatz dazu ist die Kerninflation der Güterpreise bis auf null zurückgegangen. Zwar haben die jüngsten Erhöhungen der Schifffahrtskosten, insbesondere auf den Strecken von und nach China, preistreibend gewirkt. Dieser Aufwärtsdruck wurde jedoch bislang durch günstige Preise für Ausfuhren aus China abgeschwächt.
Die Hartnäckigkeit der Inflation im Dienstleistungssektor beruht zum Teil auf erhöhtem Nominallohnwachstum im Vergleich zu den Trends vor der Pandemie. Gewerkschaften streben weiterhin Lohnerhöhungen an, um den Anstieg der Lebenshaltungskosten zu kompensieren. Inwieweit dies eine Persistenz der Kerninflation begünstigt, dürfte davon abhängen, wie sich die Lohnstückkosten entwickeln, was wiederum von der Arbeitsproduktivität abhängt, und ob die Unternehmen bereit sind, gestiegene Lohnstückkosten in ihren Gewinnspannen aufzufangen. Hier macht der IWF Unterschiede zwischen den USA und dem Euroraum aus: In den Vereinigten Staaten entspreche das Lohnwachstum in letzter Zeit den Produktivitätsgewinnen, was die Lohnstückkosten in Grenzen hält. Im Euroraum seien die Löhne zuletzt stärker gestiegen als die Produktivität, was die Lohnstückkosten erhöhte. Laut IWF sollten die europäischen Unternehmen aber in der Lage sein, diese Kosten aufzufangen, da ihre Gewinne in den letzten Jahren stark gestiegen sind.
Aktuell sieht der IWF jedenfalls keine Gefahr von Lohn- Preis-Spiralen, sondern die globale Gesamtinflation weiter zurückgehen, und zwar von 6,7 % im Jahr 2023 auf 5,8 % in 2024 und 4,3 % in 2025. Für die entwickelten Volkswirtschaften wird ein schnellerer Inflationsrückgang mit Stabilisierung bei etwa 2 % im Jahr 2025 erwartet.
In den Schwellen- und Entwicklungsländern dürfte die Inflation von 8,1 % im Jahr 2023 auf 7,9 % im Jahr 2024 und dann auf 5,9 % im Jahr 2025 sinken. Zwischen den einzelnen Schwellenländern gibt es jedoch Unterschiede: In den aufstrebenden Ländern Asiens dürften die Inflationsabbaupfade auf dem Niveau der fortgeschrittenen Volkswirtschaften liegen, wohingegen die Inflationsprognosen für die Schwellen- und Entwicklungsländer des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie für die afrikanischen Länder südlich der Sahara im zweistelligen Bereich bleiben. In den meisten Ländern Lateinamerikas und der Karibik ist die Inflation gegenüber den Höchstständen deutlich zurückgegangen und weiterhin im Abwärtstrend. Für einige große Länder der Region (in Brasilien und Mexiko wegen starken Lohnwachstums, in Kolumbien wegen Wetterereignissen und in Chile wegen erhöhter administrierter Stromtarife) nahm der IWF jedoch Aufwärtskorrekturen vor.
Im Gegensatz zu 2023, als die Gesamtinflation hauptsächlich aufgrund niedrigerer Kraftstoffpreise zurückging, erwartet der IWF für 2025 auch einen Rückgang der Kerninflation. Obwohl das Tempo des Inflationsabbaus allgemein schneller war als vor einem Jahr erwartet, dürfte die Streuung zwischen den Volkswirtschaften nun größer sein. Es wird jedoch erwartet, dass die meisten Volkswirtschaften bis Ende 2025 entweder das Ziel erreichen oder ihm sehr nahekommen. Dies steht im Einklang mit der EZB-Prognose, wonach die Inflation in der Eurozone von 2,5 % im Jahr 2024 auf 2,2 % im Jahr 2025 und 1,9 % im Jahr 2026 sinken sollte.
Die jüngsten Prognosen sind mit großer politisch bedingter Unsicherheit behaftet. Neu gewählte Regierungen (etwa die Hälfte der Weltbevölkerung hat in diesem Jahr gewählt oder wird dies 2024 noch tun) könnten erhebliche Veränderungen in der Handels- und Steuerpolitik bewirken. Darüber hinaus hat die Rückkehr der Volatilität an den Finanzmärkten Sorgen über versteckte Schwachstellen genährt. Diese wiederum erschwert die Kalibrierung eines angemessenen geldpolitischen Kurses, insbesondere in Ländern, in denen die Inflation anhält und gleichzeitig Anzeichen für eine Konjunkturabschwächung zu erkennen sind. Die Gesamteinschätzung hat sich damit seit den Kommentaren vom Juli, in denen die positiven und negativen Eventualitäten als gleich wahrscheinlich eingeschätzt wurden, verschlechtert. Die Abwärtsrisiken sind wieder in den Vordergrund getreten:
Die geldpolitische Straffung könnte sich stärker auswirken als beabsichtigt. Eine geldpolitisch induzierte Abschwächung der Konjunktur würde sich negativ auf die Stimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher und Unternehmen auswirken, d. h. die Ausgaben der privaten Haushalte stärker belasten und die Unternehmen veranlassen, Investitionen zurückzustellen.
Die Finanzmärkte könnten als Folge der Neubewertung der Geldpolitik neue Preise festlegen. Die „letzte Meile“ in Richtung Geldwertstabilität könnte die Geldpolitik vor größere Herausforderungen stellen. Erweist sich die Inflation als hartnäckiger als erwartet, könnten die Verbraucher ihre kurzfristigen Inflationserwartungen anpassen, was die Zentralbanken zwingen würde, den Pfad der geldpolitischen Normalisierung wieder zu verlassen. Finanzmarktturbulenzen könnten wiederaufleben und Preiskorrekturen auslösen.
Die Staatsverschuldung in den Schwellen- und Entwicklungsländern könnte problematischer werden. Obwohl sich die Spreads seit ihrem Höchststand im Juli 2022 verringert haben, sind einige Länder immer noch anfällig für eine Neubewertung von Risiken. Bei abrupten Anstiegen der Renditeaufschläge für ihre Staatsanleihen droht einigen Länder die Schuldenkrise. Länder mit hohem Außenfinanzierungsbedarf und geringem Devisenbestand wären am stärksten betroffen.
Der chinesische Immobiliensektor könnte stärker schrumpfen als erwartet. Ein weiterer Preisverfall könnte das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher noch mehr erschüttern und den ohnehin schon schwachen Konsum der privaten Haushalte weiter schwächen. Aber auch mögliche Reaktionen darauf bergen Risiken: Staatliche Anreize zur Stärkung der Binnennachfrage würden die öffentlichen Finanzen weiter belasten. Subventionen in bestimmten hochtechnologischen Schlüsselsektoren könnten, wenn sie auf die Ankurbelung der Exporte abzielen, die Spannungen mit Chinas Handelspartnern weiter verschärfen.
Die Eskalation regionaler Konflikte und geopolitische Spannungen könnten den Handel stark beeinträchtigen und die Rohstoff-, Energie- und Lebensmittelpreise erneut steigen lassen. Eine Verschärfung protektionistischer Politik würde die globalen Lieferketten stören und auch die mittelfristigen Wachstumsaussichten beeinträchtigen, da positive Spillover-Effekte durch Innovation und Technologietransfer eingeschränkt würden.
Soziale Unruhen, womöglich durch Inflation, hohe Steuern, ein Überschwappen von Konflikten und zunehmende Ungleichheit ausgelöst, würden das Wachstum bremsen, insbesondere in Ländern, die nur begrenzte Möglichkeiten haben, die Auswirkungen durch politische Maßnahmen abzufedern.
Günstigere Entwicklungen sind aber ebenfalls denkbar. Der IWF setzt Hoffnungen auf öffentliche Investitionen, vor allem in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, und auf Strukturreformen, die allerorten Produktivkräften neues Leben einhauchen könnten: Vom ökologischen Umbau über die Modernisierung der Infrastruktur bis hin zur Förderung von Forschung und Technologie gibt es hohen Bedarf an öffentlichen Investitionen. Sofern dieser gedeckt wird, könnte dies auch komplementäre private Investitionen auslösen und zu einer stärkeren Erholung der weltweiten Nachfrage und des Handels führen. Außerdem könnten sowohl fortgeschrittene als auch aufstrebende Volkswirtschaften Strukturreformen ergreifen bzw. beschleunigen, um zu verhindern, dass sie im Hinblick auf Produktivität zurückfallen. Reformen zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung (z. B. Maßnahmen zur besseren Integration von Einwanderern und Frauen), zum Abbau von Fehlallokationen auf den Arbeits- und Kapitalmärkten oder zur Förderung von Innovationen würden mindestens mittelfristig zu höherem Wachstum führen.
Hinter der unspektakulären, aber stabilen globalen Entwicklung verbergen sich unterschiedliche Länderdynamiken:
Für die Vereinigten Staaten wurde die IWF-Prognose für 2024 auf 2,8 % nach oben korrigiert, da sich der Konsum und die Nichtwohnungsbauinvestitionen besser entwickelt haben. Der stabile Konsum beruht weitgehend auf Reallohnsteigerungen (insbesondere bei Haushalten mit niedrigem Einkommen) und Vermögenseffekten. Es wird erwartet, dass sich das Wachstum bis 2025 auf 2,2% abschwächt, da die Finanzpolitik gestrafft wird und ein sich abkühlender Arbeitsmarkt den Konsum bremst. Die OECD erwartet eine Verlangsamung des Wachstums, die aber bis zur 2. Jahreshälfte 2024 durch eine Lockerung der Geldpolitik abgefedert wird, und geht von 2,6 % in diesem und 1,6 % im nächsten Jahr aus.
In Europa schwächelt die Konjunktur weiter. Jüngste Daten zeigen, dass das BIP in der Eurozone zuletzt leicht gestiegen ist, wozu vor allem Spanien und Frankreich beitrugen. Die Inflation in der gesamten Eurozone ist weiterhin niedrig, die Bandbreite reicht allerdings von 0,0 % in Slowenien bis 4,7 % in Belgien, wobei die Amplitude 4,7 Prozentpunkte beträgt und eine steigende Tendenz aufweist. Laut EZB-Prognose vom 12. September wird die Inflation von 2,5 % im Jahr 2024 auf 2,2 % im Jahr 2025 und 1,9 % im Jahr 2026 sinken, was auch den Erwartungen von OECD und IWF entspricht. Der private Konsum wird voraussichtlich durch Lohnerhöhungen und steigende Realeinkommen, unterstützt von einer zurückgehenden Inflation, gestärkt. Investitionen dürften durch eine allmähliche Lockerung der Finanzierungsbedingungen und die fortlaufende Auszahlung von Mitteln aus der Aufbau- und Resilienzfazilität profitieren. Die EU-Kommission erwartet ein BIP-Wachstum von 0,8 % für 2024 in der Eurozone, und prognostiziert für 2025 einen Anstieg auf 1,3 % (Herbstprognose vom 15.11.2024). Ähnlich rechnet die OECD mit einem schwachen Wachstum von 0,7 % in 2024, das sich 2025 auf 1,3 % verbessern könnte, wenn sich die Binnennachfrage erholt. Der IWF sieht eine Erholung mit einem Wachstum von 0,8 % im Jahr 2024 und vergleichsweise geringen 1,2 % im Jahr 2025 – die anhaltende Schwäche des Verarbeitenden Gewerbes belaste das Wachstum in Deutschland und Italien.
Für das Vereinigte Königreich erwartet der IWF eine Wachstumsbeschleunigung auf 1,1 % im Jahr 2024 und weiter auf 1,5 % im Jahr 2025, da die sinkende Inflation und die sinkenden Zinssätze die Binnennachfrage anregen. Die OECD sieht das Land ebenfalls im leichten Aufwind und weist auf eine Belebung des Immobilienmarktes hin. Die Prognose für 2024 wurde gegenüber Mai um 0,7 Prozentpunkte auf 1,1 % angehoben, für 2025 werden 1,2 % und damit 0,2 Prozentpunkte mehr als noch im Mai erwartet.
In Japan belastet das schwache Ergebnis des ersten Quartals das prognostizierte jährliche Wachstum für 2024; der IWF geht von 0,3 %, die OECD von -0,1 % aus. Die Verlangsamung wird auf vorübergehende Lieferunterbrechungen in der Automobilindustrie sowie das Abklingen einmaliger Faktoren zurückgeführt, die die Wirtschaftstätigkeit im Jahr 2023 angekurbelt hatten, wie etwa der Anstieg des Tourismus. Für 2025 wird erwartet, dass starke Reallohnzuwächse die Auswirkungen einer strafferen makroökonomischen Politik ausgleichen. Der IWF geht von 1,1 %, die OECD gar von 1,4 % Wachstum aus.
Auch für die Schwellen- und Entwicklungsländer sind die Aussichten in den nächsten zwei Jahren recht stabil, sie bewegen sich nach Einschätzung des IWF bei etwa 4,2 % und pendeln sich bis 2029 bei 3,9 % ein. Auch hier gibt es zwischen den Ländergruppen eine gegenläufige Dynamik: Verbesserungen für Asien, insbesondere China und Indien, werden durch Verschlechterungen für die afrikanischen Länder südlich der Sahara sowie für den Nahen Osten und Zentralasien mehr als ausgeglichen.
Indien prognostiziert die OECD für die nächsten zwei Jahre ein solides Wachstum der Binnennachfrage, was sich in einem BIP-Wachstum von 6,7 % und 6,8 % in den Fiskaljahren 2024/25 und 2025/26 niederschlägt und leichten Anhebungen gegenüber Mai um 0,1 bzw. 0,2 Prozentpunkten entspricht. Der IWF sieht zwar den während der Pandemie aufgestaute Nachholbedarf als abgebaut und erwartet daher eine leichte Abschwächung, lässt aber die Wachstumsprognose aus dem Juli, die sich auf 7,0 % und 6,5% für die genannten Fiskaljahre belief, unverändert.
Für China geht die OECD davon aus, dass das Wachstum durch eine Erhöhung der Staatsausgaben gestützt wird, die langwierige Korrektur im Immobiliensektor jedoch anhält und unzureichende soziale Sicherung und ein schwaches Verbrauchervertrauen den privaten Konsum weiterhin bremsen. Gegenüber der Mai-Prognose unverändert wird das BIP-Wachstum für 2024 auf 4,9 % und für 2025 auf 4,5 % geschätzt. Der IWF sieht ebenfalls die anhaltende Schwäche des Immobiliensektors und geringes Verbrauchervertrauen als Hemmschuh des durch Industrieproduktion und -exporte gestützten Wachstums. Seine jüngste Prognose für 2024 wurde auf 4,8 % und damit um 0,2 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Seine Erwartung für 2025 liegt indes weiterhin bei 4,5 % und damit gleichauf mit der OECD.
Im Nahen Osten und in Zentralasien sieht der IWF die Auswirkungen vorübergehender Unterbrechungen der Ölförderung und der Schifffahrt abklingen und das Wachstum in der Region auf 3,9 % in 2025 ansteigen. Die Verlängerung der Ölförderkürzungen in Saudi-Arabien und der anhaltende Konflikt im Sudan waren in der Juli-Prognose für 2024 bereits berücksichtigt, sodass die Erwartung von 2,4 % unverändert blieb.
In Lateinamerika und der Karibik sieht der IWF das Wachstum von 2,3 % im Jahr 2023 auf 2,1 % im Jahr 2024 zurück gehen, bevor es im Jahr 2025 wieder auf 2,5 % ansteigt. Insgesamt bleiben die Prognosen für die Region aufgrund gegenläufiger Korrekturen seit April weitgehend unverändert: Für Brasilien wird ein Wachstum von 3,0 % in 2024 und 2,2 % in 2025 erwartet. Die Aufwärtskorrektur von 0,9 Prozentpunkten für 2024 im Vergleich zum Juli wird auf stärkeren privaten Konsum und höhere Investitionen in der ersten Jahreshälfte sowie weniger als erwartete Unterbrechungen durch Überschwemmungen zurückgeführt. Angesichts der nach wie vor restriktiven Geldpolitik und der erwarteten Abkühlung auf dem Arbeitsmarkt dürfte sich das Wachstum 2025 jedoch abschwächen. Für Mexiko wird ein Wachstum von 1,5 % in diesem und 1,3 % im nächsten Jahr prognostiziert, was eine schwächere Inlandsnachfrage infolge der restriktiven Geldpolitik reflektiert. Ähnlich erkennt die OECD die Inlandsnachfrage in Brasilien als stimulierend, in Mexiko jedoch als hemmend, insbesondere der Dienstleistungssektor habe an Schwung verloren. In beiden Ländern habe die Währungsabwertung die Exporterlöse gestützt, aber die Kosten für den Schuldendienst in US-Dollar erhöht und einen Inflationsdruck ausgeübt. Für Brasilien wird für 2024 ein jährliches Wachstum von 2,9 % und für 2025 von 2,6 % prognostiziert. Für Mexiko werden 1,4 % Wachstum in diesem und 1,2 % im nächsten Jahr erwartet.
Für die afrikanischen Länder südlich der Sahara wird ein BIP-Anstieg von 3,6 % im Jahr 2023 auf 4,2 % im Jahr 2025 prognostiziert, da die negativen Auswirkungen früherer Wetterschocks nachlassen und die Versorgungsengpässe allmählich abnehmen. Gegenüber der Prognose vom Juli wurde die regionale Prognose für 2024 um 0,1 Prozentpunkte nach unten und für 2025 um 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert. Neben dem anhaltenden Konflikt, der zu einer Schrumpfung der Wirtschaft des Südsudan um 2, 6 % geführt hat, geht die Revision auf Nigeria zurück, dessen Wachstum in der ersten Jahreshälfte schwächer als erwartet ausgefallen ist.
Die Tabelle fasst die aktuellen Prognosen zusammen:
Quelle: IWF, World Economic Outlook (22. Oktober 2024), und OECD, Economic Outlook, Interim Report (25. September 2024) * Für Indien werden Daten und Prognosen auf Basis des Haushaltsjahres dargestellt.