Titelbild zum Artikel "Forschen für den „autarken Wehrstaat“: Die Ressortforschungseinrichtungen des BMWK in NS- und Nachkriegszeit"

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Wissenschaft, Politik, Verantwortung. Unter diesem Motto fand am 5. März 2025 im Ludwig-Erhard-Saal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) die Vorstellung und Übergabe der Ergebnisse des Projekts zur Aufarbeitung der Geschichte der Ressortforschungseinrichtungen des BMWK statt. Diese Ergebnisse sollen im Laufe des Jahres 2025 im Verlag Bielefeld University Press in einer Druckversion veröffentlicht werden. Staatssekretär Udo Philipp nahm Ansichtsexemplare von acht Bänden aus den Händen der Projektleiter Prof. Dr. Helmut Maier und Prof. Dr. Carsten Reinhardt entgegen. Darüber hinaus ist eine Veröffentlichung im ‚Open Access‘-Format geplant, so dass die Resultate allen Interessierten kostenlos zur Verfügung stehen werden. An der ganztägigen Veranstaltung nahmen die Präsidentin und die Präsidenten der untersuchten Ressortforschungseinrichtungen sowie zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und Presse teil. Einzelne Mitglieder des Historikerteams präsentierten ihre Forschungsergebnisse. Auf die Ansprache von Staatssekretär Philipp folgte eine Podiumsdiskussion zwischen den Projektleitern, der Präsidentin und den Präsidenten der Ressortforschungseinrichtungen sowie Anja Hajduk, Staatssekretärin im BMWK.

RESSORTFORSCHUNGSEINRICHTUNGEN DES BMWK

Gegenstand des Aufarbeitungsprojektes war die Geschichte dreier Behörden, die sich heute im Geschäftsbereich des BMWK befinden. Die Projektleiter und ihr Team von Historikerinnen und Historikern an den Universitäten Wuppertal und Bielefeld haben seit 2020 die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) sowie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und ihre Vorgängereinrichtungen untersucht. Diese drei Einrichtungen stehen heute für anwendungsbezogene Spitzenforschung im internationalen Kontext in den Bereichen Materialforschung, Physik und Metrologie sowie Geologie und Bodenkunde. Sie sind zwar dem BMWK als Behörden institutionell unterstellt, forschen jedoch unabhängig und in wissenschaftlicher Freiheit. Dabei bearbeiten sie eine große Bandbreite an Themen, die von der Beratung zu Rohstoffmärkten oder zur Endlagerung des Atommülls über Fragen des Messens und der Sicherheit in Technik und Chemie bis hin zu Materialdesign und Quantentechnologien reicht.

DAS PROJEKT

Wesentliches Ziel der Untersuchung waren die Erforschung der Verstrickung der Häuser in den NS-Herrschafts- und Vernichtungsapparat sowie der Umgang mit dieser Vergangenheit in den Nachfolgeinstitutionen nach der Neugründung der BRD sowie der DDR.

Welche Rolle hatten die Ressortforschungseinrichtungen bei der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges? Wussten Mitarbeitende von den Verbrechen des NS-Regimes oder waren sie gar daran beteiligt? Diese Fragen haben nicht nur die Beschäftigten der drei Behörden und die Öffentlichkeit beschäftigt, auch das BMWK hatte Interesse an der Aufarbeitung. Zuvor hatte das Bundeswirtschaftsministerium bereits die Geschichte der Wirtschaftspolitik in Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg durch eine unabhängige Historikerkommission aufarbeiten lassen, die ihren Abschlussbericht im Dezember 2016 vorgestellt hat. Der damalige Bundeswirtschaftsminister, Sigmar Gabriel, hatte bei diesem Termin angekündigt, dass es auch eine unabhängige Aufarbeitung der Geschichte der Ressortforschungseinrichtungen des Bundeswirtschaftsministeriums geben werde.

Daher wurde ein durch das BMWK, die drei Behörden und die Universität Wuppertal gemeinsam finanziertes Team aus Historikerinnen und Historikern aufgestellt, das sich an die umfangreiche Archivarbeit machte. Die Teammitglieder konsultierten nicht nur das Bundesarchiv und zahlreiche weitere Einrichtungen im In- und Ausland, sondern werteten auch mehrere hunderttausend Seiten an Material aus, das in den Facharchiven der Behörden verwahrt wird.

DIE ZENTRALEN FORSCHUNGSERGEBNISSE

Nun, nach beinahe fünf Jahren Forschung, lässt sich konstatieren: Die Ressortforschungseinrichtungen hatten eine zentrale Rolle bei der Errichtung dessen, was die NS-Propaganda als „autarken Wehrstaat“ bezeichnete. Bereits unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 machten sich die Einrichtungen ans Werk. Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges war für den Fall eines erneuten Konflikts eine alliierte Seeblockade absehbar. Das ausgegebene Ziel bestand daher darin, von Rohstoffimporten unabhängig zu werden, sei es durch die Errichtung einer Ersatzstoffwirtschaft, sei es durch Hebung eigener Ressourcen.

Die Staatsgeologen des späteren Reichsamtes für Bodenforschung (RfB) initiierten daher ein „Reichsbohrprogramm“, das die innerdeutschen Erdölvorkommen heben sollte, die bis dahin nur spärlich erschlossen waren. Das war erfolgreich: Bis 1944 konnte die Fördermenge um den Faktor acht gesteigert werden. Während des Krieges weiteten sich diese Bemühungen dann in den von Deutschland besetzten europäischen Raum aus. Im Staatlichen Materialprüfungsamt und der Chemisch-Technischen Reichsanstalt (CTR), die nach 1945 in der BAM sowie der PTB aufgehen sollten, versuchte man sich gleichzeitig mit großem Erfolg an der Substitution von Importrohstoffen; auch die Einsparung von Metallen wie Kupfer, Nickel oder Kobalt wurde vorangetrieben.

Im Staatlichen Materialprüfungsamt, der späteren BAM, bereitete man sich auf den Bombenkrieg vor. Hier entstand das ‚Brandhaus‘, eine europaweit einmalige Anlage, in der unter realistischen Bedingungen die Auswirkungen von Brandbomben auf Baustoffe und Konstruktionen untersucht wurden. Die Erkenntnisse der CTR-Chemikerinnen und -Chemiker flossen dann wiederum in die Optimierung von Brandgeschossen ein, die von deutschen Flugzeugen abgeworfen werden sollten. Eine wichtige Rolle spielten auch die Eichungen und Materialprüfungen der Ressortforscher, die die Nutzung von Rüstungsgütern erst ermöglichten.

Die Bände der Forschungsergebnisse sind voll zahlloser weiterer Beispiele innovativer Kriegsforschung, die über die Verbesserung von Torpedos, des Gas- und Luftschutzes bis zu Beschussversuchen von Panzerplatten reichen.

VERSTRICKUNG UND VERFOLGUNG

Der Befund des Historikerteams ist eindeutig: Die Arbeit der Ressortforschungseinrichtungen war entscheidend für die Kriegsanstrengungen des Deutschen Reiches. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass die Ressortforschungseinrichtungen nach 1933 einen gewaltigen Anstieg der Personal- und Finanzmittel zu verzeichnen hatten. So wuchs die Bodenforschungsbehörde von unter 200 auf über 700 Mitarbeitende, die Physikalisch-Technische Reichsanstalt von etwas unter 300 auf 750 Mitarbeitende auf. Die Spitzenforschenden der Einrichtungen errichteten „interinstitutionelle Querverbünde“ zwischen Universitäten, Industrie, Militär und Behörden. Unter anderem durch ihre Mitgliedschaft in Leitungsgremien all dieser Institutionen konnten sie immer neue Aufträge und Drittmittel für ihre wissenschaftlichen Aktivitäten akquirieren. Während des Krieges wurden zunehmend auch Zwangsarbeitende und Inhaftierte für die Forschungen instrumentalisiert. Mit Beklemmung liest man von der Errichtung einer „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen bei Berlin, die im Juni 1940 fertig gestellt wurde und deren Prüfergebnisse im Materialprüfungsamt weiter verwertet wurden. Staatsgeologen ermöglichten die Errichtung solcher Lager durch die Erstellung von Boden- und Wassergutachten.

Ein wesentliches Anliegen institutioneller Aufarbeitungsprojekte ist es, individuelle Belastungen zu quantifizieren. Hier zeigt sich, dass Entlassungen nach 1933 in allen Ressortforschungseinrichtungen nur in geringem Umfang stattfanden. Dies lag unter anderem daran, dass bereits vor 1933 nur vereinzelt jüdische und oppositionelle Beschäftigte in den Behörden tätig gewesen waren. Der Großteil der Mitarbeitenden identifizierte sich mit den Zielen des NS-Regimes oder arrangierte sich mit ihnen. Die Anteile der NSDAP-Mitglieder am Behördenpersonal bewegten sich zwischen 31% und 55%. Ein Eintritt in die Partei war jedoch, das zeigen einzelne Beispiele, keine notwendige Bedingung für die Beförderung zum Regierungs- oder Oberregierungsrat.

In der Chemisch-Technischen Reichsanstalt bestand eine Widerstandszelle, die für die Sowjetunion spionierte. Sie übermittelte auch Erkenntnisse über die nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages verbotene Erforschung von Giftgasen durch die CTR. 1935 wurde die Zelle jedoch durch die Gestapo ausgehoben, ihre Mitglieder verbüßten lange Haftstrafen oder entzogen sich diesen durch Suizid. Gene- rell wirkten alle Ressortforschungseinrichtungen bereitwillig und zum eigenen Vorteil an den Plänen des NS-Regimes mit.

ANKOMMEN IN DER NACHKRIEGSZEIT

Nach 1945 zeigt sich ein differenziertes Bild im Umgang mit der Vergangenheit. In der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, wurde die zunächst strenge Entnazifizierungspolitik nach relativ kurzer Zeit gelockert. Zwar wurden einige besonders belastete Beschäftigte entfernt, jedoch schon kurze Zeit später wieder auf ihre Expertise zurückgegriffen. Im Westen wurde die Vergangenheit überwiegend beschwiegen. Teilweise zeigen sich jedoch auch Versuche, eine neue Erinnerungskultur zu etablieren, die den Grad der NS-Belastung der Mitarbeitenden durch eine hauseigene Entnazifizierungskommission bestimmen ließ.

Bezeichnend für den Verantwortungsdiskurs im Osten gleichermaßen wie im Westen ist jedoch, dass die Ressortforschungseinrichtungen ihre Verantwortung als institutionelle Komplizen und Weichensteller für die Errichtung des „autarken Wehrstaates“ in der Nachkriegszeit nicht reflektiert haben. Das gilt auch und noch gravierender für ihre Rolle in einem verbrecherischen Produktionsregime mit Zwangsarbeit und Konzentrationslagern.

WAS BEDEUTET DIES FÜR UNS HEUTE?

Mit dem Forschungsprojekt wird einem Wunsch der Beschäftigten der Ressortforschungseinrichtungen entsprochen, die wissen wollten, welche Rolle ‚ihre Behörde‘ in der Zeit des Nationalsozialismus gespielt hat. Vielfach stellen sich auch praktische Fragen, etwa ob Gebäude, Stiftungen und Auszeichnungen weiterhin den Namen früherer Angehöriger der Ressortforschungseinrichtungen tragen können oder nicht.

Staatsekretär Philipp ging in seiner Ansprache anlässlich der Überreichung der Forschungsergebnisse noch weiter: Die wesentlichen Fragen des Forschungsprojektes seien aktueller denn je. Welche Verantwortung trage ich als individuell mitarbeitende Person für das, was mit meiner Arbeit geschieht? Kann ich zulassen, dass meine Institution schwere Verbrechen begeht, ohne mich selbst schuldig zu machen?

Die Forschungsergebnisse zeigen prägnant, so Staatssekretär Philipp, „dass die Verbrechen des NS-Regimes nicht geschahen, weil der moderne Staat und seine Staatsdienerinnen und -diener, seine dem Staat verpflichteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – sozusagen die klügsten Köpfe des Landes – abwesend gewesen wären“. Sondern weil sie „modernste, innovativste Technologien und Infrastrukturen“ zu ihrer Ermöglichung bereitstellten. Nicht nur vor dem Hintergrund politischer Kräfte, die eine ‚erinnerungspolitische Wende‘ fordern, ist es angezeigt, dies immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Während in der forschungspolitischen Diskussion lange Forderungen nach einer Zivilklausel, d.h. einer Klausel, die Forschung für militärische Zwecke verbietet, dominierten, zeigt sich angesichts der zugespitzten Sicherheitslage in Europa die Notwendigkeit, diese Haltung zu überprüfen. Würden die untersuchten Ressortforschungseinrichtungen bald erneut Forschung für Deutschlands ‚Kriegstüchtigkeit‘ leisten?

Staatssekretär Phillip war hier ganz klar: „Es ist ein Unterschied ums Ganze, um Tag und Nacht, ob sich die Arbeit an Innovationen dem Ziel verschreibt, ein Land, einen Kontinent, freie Gesellschaften im Ernstfall gegen Aggressionen verteidigen zu können. Oder ob man, wie im Fall des NS- Regimes, eine Innovationsdynamik auslöst mit dem Ziel, einen ganzen Kontinent zu erobern, auszubeuten und unzählige Menschenleben zu vernichten.“

In der Podiumsdiskussion zwischen den Projektleitern, der Präsidentin und den Präsidenten der Ressortforschungseinrichtungen sowie Staatssekretärin Hajduk kam ein weiterer Aspekt auf, der das Projekt und seine Ergebnisse aktuell erscheinen lässt: Wie kann man institutionelle Strukturen so stärken, dass sie der Vereinnahmung durch totalitäre Regime und ihre Ziele widerstehen können?

Die Beteiligten auf dem Panel betonten auch die Verantwortung des Einzelnen. Jede und jeder, die oder der in einer Behörde oder einem Ministerium beschäftigt ist, hat letztlich eine Verantwortung für die von ihr oder ihm geleistete Arbeit. Gleichzeitig hat die Institution eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden. Welche Rahmenbedingungen kann und muss sie schaffen?

Die Arbeit der Ressortforschungseinrichtungen erhält aktuell im Kontext von Wirtschaftssicherheit neue Bedeutung. Auch wenn Autarkie kein Ziel deutscher Wirtschaftspolitik ist: Angesichts fragiler Lieferketten und Spannungen im globalen Handel ist die Unabhängigkeit der europäischen Rohstoffversorgung ein drängendes Problem.

Auch in dieser Hinsicht sind die Ergebnisse des Projekts zwar historisch, aber nicht nur Geschichte.

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Referat:
IC4 – Wirtschafts- und Strukturpolitische Forschung
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