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Die weltwirtschaftliche Entwicklung ist allen Unsicherheiten und Politikänderungen zum Trotz bislang vergleichsweise stabil: Das weltweite Bruttoinlandsprodukt wächst auch in diesem Jahr voraussichtlich mit etwas mehr als drei Prozent – im Vergleich zum Wachstum vor der Corona-Pandemie zwar eine enttäuschende Wachstumsrate, aber nicht vollkommen ungewöhnlich für die weltwirtschaftliche Dynamik der Nach-Pandemiejahre. Der große Abschwung infolge der von den USA initiierten handelspolitischen Änderungen ist bislang ausgeblieben. Dazu haben starke Vorzieheffekte auch als Folge von Zollpausen und der Abschluss von Handelsdeals beigetragen. Beides sorgte dafür, dass die tatsächliche Belastung durch die Zölle niedriger ausfiel als ursprünglich erwartet. Gleichwohl mehren sich die Anzeichen, dass das gestiegene Zollniveau, hohe Unsicherheit und geopolitische Konflikte mittlerweile Spuren hinterlassen: es gibt erste Indizien für steigende Inflation in den USA und Handelsvolumina mit den USA sinken. Insgesamt erwartet der IWF, dass das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2026 schwächer ausfällt als in diesem Jahr. Vergleicht man die heutigen Erwartungen hinsichtlich des globalen Wachstums mit denen vor Beginn des Handelskonflikts, zeigt sich, dass multilaterale Zusammenarbeit und Handel kein Nullsummenspiel sind: Protektionistische Tendenzen kosten weltweit Wachstum und Wohlstand. Die Kosten könnten weiter steigen, wenn in der Folge auch Vertrauen auf anderen Ebenen zurückgeht.
WELTWIRTSCHAFTLICHE LAGE STABIL, WENN AUCH MIT ZUNEHMENDEN FRAGEZEICHEN
Handels- und geopolitische Konflikte haben die Weltwirtschaft zuletzt stark geprägt und insbesondere die Unsicherheit an den Märkten weltweit erhöht. Allen voran machten in den vergangenen Monaten die handelspolitischen Entscheidungen der USA Schlagzeilen. Weitere Belastungen für die Weltwirtschaft waren Kürzungen der Entwicklungshilfe, restriktivere Haltungen zur Einwanderung, aber auch der Notwendigkeit von erhöhten Verteidigungsausgaben geschuldet.
Allen Widrigkeiten zum Trotz: Bislang zeigte sich die Weltwirtschaft widerstandsfähig. Sowohl die weltweite Produktion als auch der Handel verharrten lange auf hohem Niveau. Zwei wesentliche Ursachen waren dafür ausschlaggebend: Einerseits blieben die von den USA tatsächlich verhängten Zölle hinter den ursprünglich angekündigten Zöllen zurück. Zollpausen sowie niedrigere Zollsätze infolge von Handelsdeals haben gemeinsam mit Handelsumlenkungen dazu geführt, dass der tatsächliche effektive Zollsatz – berechnet auf Grundlage der jeweils gültigen Zölle und der realen Warenströme – denjenigen effektiven Zollsatz, der auf Grundlage der Ankündigungen und der Handelsströme im vergangenen Jahr erwartet worden war, deutlich unterschritten hat (vgl. Abb. 1). Andererseits haben Haushalte und Unternehmen den Anfang des Jahres genutzt, um angekündigten und befürchteten Zollerhöhungen zuvorzukommen, indem Konsum und Investitionen vorgezogen und Lagerbestände aufgebaut wurden. Preisreaktionen blieben zunächst ebenfalls begrenzt, unter anderem aufgrund hoher Gewinnmargen im Nachgang zur Post-Covid-Inflationsphase.
Mittlerweile mehren sich aber die Anzeichen, dass die negativen Auswirkungen protektionistischer Politik zum Tragen kommen, gerade auch in den USA. Die dort noch positive BIP- und Investitionsentwicklung im zweiten Quartal verdeckt laut IWF, dass Investitionen insb. durch Ausgaben im KI-Bereich gestützt wurden, in wichtigen anderen Teilen wie Gewerbe- und Wohnungsbau aber Rückgänge zu verzeichnen seien. Die positive BIP-Entwicklung könne zudem nicht losgelöst vom Aufbau von Lagerbeständen durch vermehrte Importe eingeordnet werden. Der Arbeitsmarkt zeige sich deutlich weniger dynamisch, sowohl Stellenaufbau als auch Beschäftigung schwächelten. Auch in anderen großen entwickelten Volkswirtschaften gehe die wirtschaftliche Dynamik spürbar zurück, was in vielen Fällen auf einen verringerten Wachstumsbeitrag von Nettoexporten und damit auf ein Auslaufen der Vorzieheffekte zurückzuführen sei. Konsum und Investitionen blieben gedämpft. Entsprechend verharren auch das Verbraucher- und Unternehmervertrauen insgesamt auf niedrigem Niveau. (Abb. 2).
Dazu trägt bei, dass die wirtschaftspolitische Unsicherheit weiterhin außergewöhnlich hoch ist (Abb. 3). Zwar sinkt die handelspolitische Unsicherheit auch dank des Abschlusses von „Deals“ mittlerweile wieder, wenn auch von hohem Niveau. Die Ungewissheit, wie sich die erfolgten Zollerhöhungen in Preisen, Investitionen und Konsumentscheidungen niederschlagen werden, ist weiterhin hoch.
Der IWF geht davon aus, dass sich die stark erhöhte Unsicherheit grundsätzlich über die Kanäle eines klassischen negativen Nachfrageschocks in den realwirtschaftlichen Daten zeigen wird: Investitionsprojekte und der Kauf von langlebigen Gütern dürften fürs Erste aufgeschoben, die Sparleistung erhöht werden. Aufgrund der Vorzieheffekte dürfte sich dieser Nachfrageschock allerdings erst mit Verzögerung in den Daten zeigen.
Ähnliches gilt für die Inflationsentwicklung. Auf den ersten Blick folgen die Inflationsraten verschiedener wichtiger Wirtschaftsregionen ähnlichen Mustern (Ausnahme ist China): eine zurückgehende, aber nach wie vor leicht über dem Inflationsziel liegende Inflations- und Kerninflationsrate mit deutlich über dem Inflationsziel liegenden Preissteigerungsraten im Dienstleistungssektor. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich gemäß Analyse des IWF allerdings, dass die USA eine Besonderheit aufweisen: die Inflationsrate für Waren im Kerninflations-Warenkorb steigt an. Dies decke sich mit Analyseergebnissen von hochfrequenten Einzelhandelsdaten, die zeigen, dass von den Zollerhöhungen stark betroffene Warenkategorien Preisanstiege verzeichnen und dass sich diese nicht auf importierte Güter begrenzen, sondern auch in den USA produzierte Güter betreffen. Da zudem bislang auch keine Anzeichen für einen umfassenden Rückgang der US-Importpreise zu beobachten seien – unter anderem weil der US-Dollar trotz Zollerhöhungen nicht auf-, sondern abgewertet habe und die Zölle Unternehmen weltweit treffen würden –, könne laut IWF nicht ausgeschlossen werden, dass die erhöhten Kosten bisher durch niedrigere Gewinnmargen aufgefangen, aber im Laufe der Zeit an die Konsumenten weitergegeben würden. Eine solche gestaffelte Preisentwicklung sei auch gut mit dem erfolgten Lageraufbau vereinbar, der es zulasse, dass die Unternehmen die Preise langsamer, dafür aber über einen längeren Zeitraum anheben könnten.
Anders als von der Trump-Administration intendiert, zeigt sich in den bilateralen Handels- und Leistungsbilanzsalden der USA noch kein Rückgang des Defizits. Vielmehr haben die Vorzieheffekte das Handelsbilanzdefizit zu Beginn des Jahres nochmals ansteigen lassen. Mittlerweile zeigen allerdings Hochfrequenzdaten zurückgehende US-Importe u.a. aus europäischen Ländern. Ob sich dies mittelfristig in niedrigeren Leistungsbilanzsalden der USA niederschlagen wird, bleibt abzuwarten. Der IWF betont, dass das Defizit im Außenhandel grundsätzlich die Differenz zwischen gesamtwirtschaftlicher Produktion und heimischer Absorption widerspiegelt. Eine expansive Fiskalpolitik, wie sie beispielsweise in den USA, aber auch in vielen großen entwickelten Volkswirtschaften zu beobachten ist, stimuliere die heimische Absorption, erschwere die Rückführung etwaiger außenwirtschaftlicher Fehlbeträge und lasse angesichts deutlich gestiegener Kosten des Schuldendienstes auch Sorgen hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen und globalen Finanzstabilität aufkommen – trotz einer zunehmend neutralen oder sogar lockeren geldpolitischen Ausrichtung.
AUSSICHTEN FÜR WELTWIRTSCHAFT GEDÄMPFT, ES HÄTTE ABER SCHLIMMER KOMMEN KÖNNEN
Die Aussichten für die weltwirtschaftliche Entwicklung sind gegenwärtig gedämpft. Der IWF schätzt, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft kaufkraftbereinigt von 3,3 % im Jahr 2024 auf 3,2 % im Jahr 2025 und 3,1 % im Jahr 2026 verlangsamen wird. Dabei wird angenommen, dass die Preise für Brennstoffe sinken, sonstige Rohstoffpreise aber steigen, dass die Schuldenquoten in Industriestaaten im Gegensatz zu Schwellen- und Entwicklungsländern weiter ansteigen werden, da eine fiskalpolitische Straffung unterbleibt, und dass die geldpolitischen Entscheidungen aufgrund unterschiedlichen Inflationsdrucks zunehmend divergieren werden. Zur Handelspolitik wird angenommen, dass die Anfang September angekündigten und implementierten Zölle unverändert fortgelten. Dies bedeutet insbesondere, dass etwaige „Zollpausen“ auch als dauerhaft angesehen werden.
Zur Einordnung der Wachstumsraten empfiehlt der IWF, die Prognosen mit historischen Durchschnitten und denen vom Oktober 2024 zu vergleichen, da die Projektionen aus dem Jahr 2025 zu stark von den spezifischen handelspolitischen Annahmen getrieben seien. Die erwarteten Wachstumsraten der Weltwirtschaft für die kommenden Jahre seien deutlich geringer als die durchschnittlichen Wachstumsraten vor der Pandemie, die der IWF mit 3,7 % angibt. Verglichen mit den Projektionen vom Oktober 2024 ergebe sich eine kumulierte Abweichung von 0,2 Prozentpunkten (PP) für die Jahre 2025 – 2026. Die erwarteten Wachstumsraten für die Industriestaaten betragen für 2025 und 2026 je 1,6 % und liegen damit jedes Jahr um 0,2 PP unter den im Oktober 2024 erwarteten Wachstumsraten. Auch bei Schwellen- und Entwicklungsländern fallen die erwarteten Wachstumsraten im Vergleich zu Oktober 2024 geringer aus: Nach einem Wachstum von 4,3 % in 2024 geht der IWF für 2025 von 4,2 % und 2026 von 4,0 % Wachstum aus.
Die erwartete durchschnittliche Inflationsrate bleibt im Vergleich zu früheren Projektionen weitgehend unverändert und wird vom IWF mit 4,2 % im Jahr 2025 und 3,7 % im Jahr 2026 beziffert. Allerdings überdeckt die aggregierte Zahl große regionale Unterschiede. Im Vergleich zur Projektion aus dem Oktober 2024 gibt es eine Reihe von Ländern, für die eine höhere Inflationsrate vorhergesagt wird (u.a. USA und Großbritannien), aber auch viele Länder, in denen die erwartete Inflationsrate niedriger ausfällt (u.a. in Asien). Insgesamt ergibt sich ein mit theoretischen Überlegungen konsistentes Bild: Während sich die Wachstumsaussichten praktisch in allen Ländern verschlechtern oder zumindest nicht verbessern, stechen insb. die USA zusätzlich mit einer im Vergleich zu Oktober 2024 höheren Inflationsrate hervor.
Die Wachstumsrate des Welthandels dürfte in den nächsten Jahren gegenüber den Prognosen von Oktober 2024 zurückgehen. Zwar haben Vorzieheffekte den Welthandel im Jahr 2025 stärker als erwartet expandieren lassen (3,6 %); allerdings wird bereits für 2026 nur noch ein Wachstum des Welthandels von 2,3 % erwartet. Über beide Jahre betrachtet fällt das Gesamtwachstum des Welthandels mit 2,9 % um 0,4 PP niedriger aus als erwartet.
Die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte dürften im Jahr 2025 höher ausfallen als im Oktober 2024 erwartet. Danach geht der IWF allerdings von einer Verringerung der Ungleichgewichte aus. Dazu dürften insbesondere die in Deutschland und China angekündigten höheren öffentlichen Ausgaben beitragen, die den Leistungsbilanzüberschuss dieser beiden Länder senken dürften. Den Nettoeffekt der handelspolitischen Änderungen auf das Leistungsbilanzdefizit der USA schätzt der IWF als eher begrenzt ein, da die Importe abnehmen dürften, gleichzeitig ein positiver Effekt auf die Exporte aber aufgrund von Kostensteigerungen für Zwischengüter in den Lieferketten zumindest fraglich sei. Mittelfristig dürfte auch die derzeit zu beobachtende Abwertung des US-Dollars im Lichte der zu erwartenden Inflationsentwicklung nur geringe Effekte auf US-Exporte haben.
Der IWF sieht zunehmende Herausforderungen für die weltwirtschaftliche Entwicklung in der mittleren Frist. Dazu trügen eine voraussichtlich stärker fragmentierte internationale Wirtschaftslandschaft ebenso bei wie alternde Bevölkerungen und durch ausbleibende Strukturreformen träges Produktionswachstum. Schwellen- und Entwicklungsländer seien besonders betroffen, da sie sowohl abnehmende Entwicklungshilfezahlungen als auch niedrigere Transferzahlungen von Inländern aus dem Ausland infolge einer restriktiveren Migrationspolitik schultern müssten und in deren Folge das Tempo der globalen Einkommenskonvergenz zurückgehen dürfte. Für Industrieländer rechnet der IWF ebenfalls mit einer Verringerung der wirtschaftlichen Dynamik aufgrund einer deutlich restriktiveren Einwanderungspolitik – einerseits, weil das Arbeitskräfteangebot zurückgehe, andererseits weil das Innovationspotenzial und die unternehmerischen Impulse negativ betroffen seien. In Summe zeige sich dies in mittelfristigen Wachstumsraten der Weltwirtschaft von nur noch 3,2 % statt der durchschnittlichen Wachstumsrate von 3,7 % von 2000 – 2019.
EINE REIHE VON ABWÄRTSRISIKEN PRÄGT DEN AUSBLICK
Wie im gesamten Jahr 2025 dominieren nach Einschätzung des IWF auch derzeit die Abwärtsrisiken den weltwirtschaftlichen Ausblick. Insbesondere handelspolitische Risiken stechen hervor. Protektionistische Maßnahmen, aber auch die bloße Unsicherheit diesbezüglich belasteten die Investitionsentscheidungen der Unternehmen, könnten die Produktionsvolatilität erhöhen, Lieferketten stören sowie technologische Ausstrahlungseffekte erschweren. Damit würden frühere Effizienzgewinne durch Handelsliberalisierung zunichtegemacht. Bilaterale „Handelsdeals“ sorgten, so der IWF, nicht notwendigerweise für mehr Sicherheit, sondern könnten sogar negative Effekte haben, wenn Vereinbarungen zu Lasten Dritter getroffen würden.
Eine striktere Einwanderungspolitik könnte durch eine Verknappung des Arbeitskräfteangebots nicht nur das Produktionspotenzial in Industrieländern negativ beeinflussen, sondern auch den Inflationsdruck verstärken. Ein Anstieg der Renditen für Staatsanleihen könnte vor dem Hintergrund der weltweit hohen Staatsverschuldung weitere Verunsicherung hervorrufen und die Handlungsfähigkeit der Staaten einschränken. In diesem Fall bestehe das Risiko ungeordneter Preiskorrekturen auf den Finanzmärkten, die die globale Finanzstabilität gefährden könnten. Auch eine Enttäuschung zu optimistischer Erwartungen hinsichtlich möglicher Produktivitätssteigerungen durch KI könnte einen Rückgang der Tech-Aktienkurse mit systemischen Auswirkungen auslösen. Der IWF sieht zudem die Gefahr, dass politischer Druck auf Institutionen wie Zentralbanken oder Statistikämter das Vertrauen in diese nachhaltig schädigen könnte. Eine Entankerung von Inflationserwartungen sowie eine höhere Fehleranfälligkeit von Entscheidungen seien vorstellbar. Schließlich stellten auch erneute Preisspitzen bei Rohstoffen als Folge von Angebotsverknappungen wegen Extremwettereignissen, regionalen Konflikten oder breiteren geopolitischen Spannungen ein Abwärtsrisiko dar.
Verglichen damit ist die Anzahl der vom IWF genannten Aufwärtsrisiken gering. Ein Durchbruch bei den Handelsverhandlungen könnte zu niedrigeren Zöllen, verbesserter politischer Vorhersehbarkeit und in der Folge zu Effizienzsteigerungen und höherem Produktivitätswachstum führen. Potenzial sieht der IWF auch in einer Beschleunigung makrokritischer Strukturreformen sowie in einer schnellen und das Produktivitätswachstum ankurbelnden Einführung von KI.
WIRTSCHAFTSPOLITISCHE EMPFEHLUNGEN: VERTRAUEN WIEDER HERSTELLEN, STRUKTURREFORMEN ANGEHEN
Wie schon in der jüngeren Vergangenheit empfiehlt der IWF, die handelspolitische Unsicherheit durch pragmatische Zusammenarbeit und vorhersehbare Prozesse zu reduzieren, Handelsregeln zu modernisieren und Handelshemmnisse abzubauen. Dabei sollten gleichzeitig die makroökonomischen Ursachen hoher Handelsbilanzungleichgewichte angegangen werden. Für Europa seien insbes. höhere Infrastrukturinvestitionen erforderlich, in China eine Stärkung des privaten Konsums, in den USA eine fiskalische Konsolidierung. Aber auch ganz generell mahnt der IWF die Länder, fiskalische Puffer nach den Schocks der vergangenen Jahre wieder aufzubauen und die Effizienz der fiskalischen Ausgaben zu steigern. Für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik, die bei Zinsentscheidungen die länderspezifische Situation – u.a. im Hinblick auf Auslastung des Produktionspotenzials und die Betroffenheit durch handelspolitische Maßnahmen – berücksichtigen müsse, sei die Unabhängigkeit der Zentralbanken essentiell. Finanzmarktrisiken müsse durch eine angemessene Finanzmarktaufsicht Rechnung getragen und die Volatilität von Wechselkursen im Blick behalten werden. Zur Steigerung von Produktivität und Potenzialwachstum fordert der IWF umfassende Strukturreformen u.a. in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Regulierung, Wettbewerb, Finanzsektor, wobei klimapolitische Aspekte zu berücksichtigen seien. Industriepolitische Eingriffe sieht der IWF grundsätzlich eher kritisch und empfiehlt stattdessen die horizontale Verbesserung der Rahmenbedingungen.
REGIONALE ENTWICKLUNGEN
Die US-Konjunktur hat im laufenden Jahr an Fahrt verloren. Während Ausrüstungsinvestitionen und Investitionen in geistiges Eigentum gestiegen sind, zeigen der private Konsum, Bauinvestitionen und Exporte Schwächen, die sich auch in einer geringeren Arbeitsmarktdynamik widerspiegeln. Dennoch nimmt der Inflationsdruck infolge steigender Kosten für Importe zu. Die Finanzpolitik bleibt als Folge umfangreicher Steuersenkungen durch den One Big Beautiful Act expansiv ausgerichtet – trotz erhöhter Zolleinnahmen hat das Budgetdefizit im Fiskaljahr 2025 zugenommen. Ungeachtet der Risiken für die Preisstabilität hat die Fed aufgrund der abnehmenden Beschäftigungsdynamik mit einer Lockerung der Geldpolitik begonnen und am 29. Oktober den Leitzins um 0,25 PP auf eine Spanne von 3,75 bis 4 % gesenkt. Vor diesem Hintergrund erwartet der IWF für die Vereinigten Staaten im Jahr 2025 ein Wachstum von 2,0 % und im Jahr 2026 von 2,1 %. Gegenüber 2024 stellt dies eine deutliche Abschwächung des Wachstums um 0,8 PP im Jahr 2025 dar. Dies ist primär größerer politischer Unsicherheit, höheren Handelsbarrieren und einem geringeren Wachstum sowohl der Erwerbsbevölkerung als auch der Beschäftigung geschuldet. Auch für Kanada prognostiziert der IWF eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums von 1,6 % im Jahr 2024 auf 1,2 und 1,5 % in den Jahren 2025 und 2026.
Für die Eurozone erwartet der IWF ein Wachstum von 1,2 % in 2025 und 1,1% in 2026 – verglichen zur Prognose aus Oktober 2024 ist das kumulativ über beide Jahre eine Abwärtsrevision von 0,4 PP, die insbesondere im Jahr 2026 zum Tragen kommt. Im laufenden Jahr habe die Eurozone u.a. von den fiskalischen Impulsen in Deutschland Wachstumsimpulse erfahren. Trotz der US-Zölle sind die Exporte der Eurozone relativ stabil geblieben und haben das Wachstum gestützt. Dazu dürften auch etwas lockerere Finanzierungsbedingungen beigetragen haben. Für die Inflation erwartet der IWF nach 2,1 % im laufenden Jahr 1,9 % für das kommende Jahr und damit ein leichtes Unterschreiten der EZB-Zielmarke. Die EZB erwartet im Jahr 2027 wieder eine Annäherung an die Zielmarke – u.a. aufgrund der Einführung des ETS2.
Weniger deutlich ist die Belastung der britischen Wirtschaft durch die Handelspolitik. Im Vereinigten Königreich erwartet der IWF für 2025 und 2026 ein Wachstum von je 1,3 % und damit sogar ein höheres Wachstum als im Jahr 2024. Ein Grund dürfte die trotz hoher Inflationsrate (zuletzt 3,8 %) vergleichsweise lockere Geldpolitik sein. Im August senkte die Bank of England den Leitzins auf 4 %, weitere Zinssenkungen werden erwartet. Dennoch implizieren die prognostizierten Wachstumsraten im Vergleich zur Prognose vom Oktober 2024 kumulierte Reduzierungen um 0,4 PP.
In Japan rechnet der IWF mit einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums von 0,1 % im Jahr 2024 auf 1,1 % im Jahr 2025 und 0,6 % im Jahr 2026. Ausschlaggebend hierfür ist die Erwartung, dass sich das Reallohnwachstum beleben und den privaten Verbrauch hinreichend stützen wird – trotz Gegenwind durch die erhöhte handelspolitische Unsicherheit und die nachlassende Auslandsnachfrage.
Die Prognose für das Wachstum von Schwellen- und Entwicklungsländern ist wie üblich von hoher Heterogenität geprägt. Für die Schwellen- und Entwicklungsländer Asiens erwartet der IWF nach einem Wachstum von 5,3 % im Jahr 2024 einen Rückgang auf 5,2 % im Jahr 2025 und 4,7 % im Jahr 2026. Das erwartete Wachstum in der ASEAN-Region wird maßgeblich von der Entwicklung der effektiven Zollsätze beeinflusst. Insb. die Wachstumsprognosen für China zeigten aufgrund von Eskalation und Deeskalation der Handelsstreitigkeiten im vergangenen Jahr eine hohe Volatilität. Gegenwärtig geht der IWF für die Jahre 2025 und 2026 von Wachstumsraten in Höhe von 4,8 % und 4,2 % aus. China profitiere von Zollpausen, Vorzieheffekten, Handelsumlenkung und einer relativ robusten Inlandsnachfrage – auch dank eines expansiveren fiskalischen Kurses im Jahr 2025. Gleichwohl bremst die Immobilienkrise weiterhin die Wirtschaft des Landes. Die Wachstumsaussichten für Indien übersteigen diejenigen von China: Im Jahr 2025 wird ein Wachstum von 6,6 %, im Jahr 2026 von 6,2 % prognostiziert. Dabei profitiert Indien insbesondere von zwei starken Quartalen zu Beginn des Jahres, einem starken Rückgang der Inflation und niedrigeren Zentralbankzinsen (seit Jahresbeginn Senkung um 100 Basispunkte auf 5,5 %). Insgesamt bleibt der Anstieg des effektiven US-Zollsatzes für Einfuhren aus Indien aber nicht ohne Auswirkungen. Verglichen zur Prognose vom Oktober 2024 wird ein kumulativ um 0,2 PP niedrigeres Wachstum in den Jahren 2025 und 2026 prognostiziert.
In Lateinamerika und der Karibik erwartet der IWF für die Jahre 2025 und 2026 Wachstumsraten von 2,4 und 2,3 %. Verglichen mit den anfänglichen Ankündigungen fallen die Zollsätze für die meisten Länder der Region niedriger als befürchtet aus. Insbesondere Mexiko hat sich deutlich besser entwickelt als zwischenzeitlich angenommen; der IWF erwartet im Jahr 2025 ein Wachstum von 1,0 %. Für Brasilien rechnet der IWF im Jahr 2025 mit einem stärkeren Wachstum (2,4 %) als im Jahr 2026 (1,9 %). Ein Grund sei der höhere effektive Zollsatz der Vereinigten Staaten. Im August hatten die USA die Zollsätze für bestimmte Importe im Zusammenhang mit der gerichtlichen Verfolgung des Ex-Präsidenten Bolsonaro von 10 % auf 50 % erhöht. Der Anteil der brasilianischen Exporte in die USA ist mit 12 % nicht übermäßig hoch, einzelne brasilianische Sektoren wie die Landwirtschaft sind aber z.T. empfindlich betroffen. Für die gesamte Region ist die Prognose für dieses und das nächste Jahr kumulativ 0,5 PP niedriger als im Oktober 2024, was die handelspolitischen Veränderungen und Unsicherheiten widerspiegelt.
Für Russland erwartet der IWF einen Rückgang des Wachstums von 4,3 % im Jahr 2024 auf 0,6 % im Jahr 2025 und 1,0 % im Jahr 2026. Die russische Wirtschaft scheint an der Kapazitätsgrenze angelangt und sich zunehmenden Engpässen gegenüberzusehen.
Für die afrikanischen Länder südlich der Sahara erwartet der IWF weiterhin vergleichsweise gedämpftes Wachstum im Jahr 2025 in Höhe von 4,1 %, bevor es im kommenden Jahr auf 4,4 % ansteigen dürfte. Im Aggregat scheinen die Länder aber mit einem Schrecken davonzukommen: kumulativ sinkt das Wachstum in 2025 und 2026 um 0,1 PP verglichen zur Prognose vom Oktober 2024. Während die Wachstumsprognose für das Jahr 2025 für Nigeria verglichen zu Oktober 2024 deutlich nach oben angepasst wurde (+ 0,7 PP) – u.a. dank steigender Ölproduktion, gestiegenem Anlegervertrauen, unterstützender Fiskalpolitik und geringer Betroffenheit durch US-Zölle –, gilt das für viele andere Volkswirtschaften nicht. Besonders Länder, die bislang von Handelserleichterungen mit den USA im Rahmen des African Growth and Opportunity Act oder Entwicklungshilfezahlungen profitiert haben, sehen sich mit niedrigeren Wachstumserwartungen konfrontiert.
Die jüngsten Einschätzungen zur Entwicklung der Weltwirtschaft und ihrer regionalen Komponenten seitens IWF und die Revisionen gegenüber den Zahlen vom Oktober 2024 sind in Tabelle 1 zusammengefasst.