Titelbild zum Artikel "Auf dem Weg zur nationalen Wirtschaftssicherheitsstrategie –asymmetrische Abhängigkeiten abbauen und wirtschaftliche Resilienz stärken"

© iStock / agkansayin

Deutschlands sicherheitspolitisches Umfeld ist im Umbruch, die Bedrohungslage hat sich auch für viele Unternehmen spürbar verschärft und nimmt an Komplexität zu. Drei Beispiele zeigen die zunehmenden Herausforderungen und Kosten:

Mit der Blockade der Straße von Hormus hat der Iran das wichtigste Nadelöhr für den globalen Öl- und Flüssiggashandel als geostrategisches Druckmittel genutzt - mit enormen Folgen für die Weltwirtschaft sowie für die Energie-, Rohstoff- und Ernährungssicherheit.

Zwischen November 2023 und Mitte 2025 griffen Huthi-Milizen wiederholt Handelsschiffe im Roten Meer an und trieben damit die Risikoprämien für Schiffsversicherungen massiv in die Höhe: Für ein Schiff im Wert von 100 Millionen US-Dollar stiegen diese auf einen Höchststand von fast 1 Million US-Dollar pro Fahrt im Juli 2025. Die meisten großen Reedereien mieden in der Folge den Suezkanal und nutzten die Route um das Kap der Guten Hoffnung, was die Transitzeit um 10 bis 14 Tage verlängerte und damit die Frachtkosten deutlich erhöhte.

In Taiwan produziert ein einziges Unternehmen über 90 Prozent aller hochentwickelten Chips und hält damit einen Marktanteil von rund 70 Prozent an der globalen Auftragsfertigung für Chips. Zugespitzt: Die Produktion von Nvidia und Apple und die Handlungsfähigkeit der größten Volkswirtschaften der Welt hängt von einigen Quadratkilometern Fabrikgelände ab, die kein anderer Akteur weltweit mittelfristig ersetzen könnte.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass wir in einem Zeitalter steigender geopolitischer Bedrohungen und Asymmetrien leben: Staatliche und private Akteure nutzen wirtschaftliche oder technologische Vorteile und wandeln sie in strategische Hebel um, um ihre außenpolitischen und strategischen Ziele zu erreichen. Vor diesem Hintergrund hat das Thema Wirtschaftssicherheit in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dabei gilt es, die Funktionsfähigkeit der Gesamtwirtschaft zu gewährleisten, kritische Infrastrukturen aufrechtzuerhalten und staatliche Kernfunktionen einschließlich der Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit sowie die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission im Jahr 2023 ein strategisches Konzept vorgelegt, wie sich die wirtschaftliche Sicherheit der Europäischen Union stärken lässt. Die EU-Wirtschaftssicherheitsstrategie benennt die zentralen Risikobereiche dieses noch relativ neuen Politikfelds:

  • Globale Lieferketten, die die eigene Wirtschaft und Bevölkerung mit Rohstoffen, Vor- und Endprodukten versorgen.
  • Technologien, die Wertschöpfung erzeugen, die Wettbewerbsfähigkeit stärken, aber auch die Verteidigungsfähigkeit sicherstellen.
  • Kritische Infrastrukturen wie Energie und Kommunikation, die das tägliche Leben und Wirtschaften überhaupt erst möglich machen.

Entsprechend werden in der EU-Strategie drei Handlungsrichtungen aufgezeigt: Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, Schutz vor Risiken sowie Partnerschaften mit einem möglichst breiten Spektrum an gleichgesinnten Ländern (Promote, Protect, Partner). Es geht also nicht (nur) darum, die eigenen Unternehmen vor Risiken von außen wie Cyberangriffen, unfairem Wettbewerb oder Technologieabfluss zu schützen. Es geht auch darum, die eigene Wettbewerbsfähigkeit unter Berücksichtigung von Resilienz zu stärken. Wirtschaftssicherheit strahlt damit weit in die Industrie-, Technologie- und Forschungspolitik aus.

Verwundbarkeiten der Wirtschaft: Vom KMU bis zum Großunternehmen

Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, haben bereits begonnen, ihre Widerstandsfähigkeit mit Blick auf Lieferkettenstörungen zu erhöhen und asymmetrische Abhängigkeiten zu reduzieren. So plant Apple, die Mehrheit der in den USA verkauften iPhones in Indien zu produzieren und sich damit von seinen Lieferketten in China abzuwenden. Auch die deutsche Wirtschaft, die mit ihrer Exportorientierung und einer tiefen Integration in globale Wertschöpfungsketten eine besondere Verwundbarkeit gegenüber asymmetrischen Abhängigkeiten aufweist, hat sich auf den Weg gemacht. So zeigt eine aktuelle Umfrage des BDI1 und des Allensbach Instituts unter 154 großen Unternehmen des produzierenden Gewerbes, dass 84 Prozent der befragten Großunternehmen bereits ein systematisches Risikomanagement inklusive regelmäßiger Stresstests hinsichtlich geopolitischer Risiken nutzen. 81 Prozent diversifizieren aktiv ihre Bezugsquellen, um kritische Länder- oder Lieferantenabhängigkeiten zu minimieren. 69 Prozent erschließen gezielt zusätzliche Absatzmärkte, um Klumpenrisiken auf der Kundenseite zu vermeiden. 68 Prozent treiben die Forschung und Entwicklung alternativer Produkte oder Produktionsverfahren gezielt voran.

Gleichzeitig stellen die Anforderungen an Resilienz und wirtschaftliche Sicherheit nicht nur große Unternehmen vor Herausforderungen, sondern insbesondere auch kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), von denen viele ebenfalls eng in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. KMU Unternehmen verfügen allerdings oft nicht über die gleichen Möglichkeiten wie große Unternehmen, Instrumente und Strukturen aufzubauen, um geopolitische Risiken für ihr Geschäftsmodell umfassend zu analysieren und zu bewältigen. Hier gilt es daher, Kapazitäten zu bündeln und passgenaue Lösungen für den Mittelstand zu entwickeln.

Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Partnerschaften

Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz können heute nicht mehr als Gegensätze betrachtet werden, sondern müssen miteinander in Einklang bzw. in Balance gebracht werden. Wettbewerbsfähigkeit ist die Voraussetzung für Resilienz, damit Staat und Unternehmen es sich leisten können, in Resilienz zu investieren. Andersherum beeinträchtigt eine Vernachlässigung von Resilienz angesichts wiederkehrender Krisen und asymmetrischer Abhängigkeiten mittel- und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit. Souveränität und Resilienz heißen dabei nicht, Offenheit und globale Partnerschaften über Bord zu werfen. Im Gegenteil: Spezifische Handelsabkommen und globale strategische Partnerschaften gilt es zu stärken. Damit Unternehmen ihre Risiken minimieren und ihre Bezugs- und Absatzmärkte diversifizieren können, benötigen sie Zugang zu neuen Märkten. Durch den Abschluss von Freihandelsabkommen wie mit den MERCOSUR-Staaten, Indien oder Australien unterstützen Bundesregierung und EU die Unternehmen beim Aufbau resilienter Handelsbeziehungen. Unsere Stärke liegt in Europa, im Binnenmarkt mit 450 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern und in der Fähigkeit, vertrauensvolle Allianzen zu schmieden.

Lieferkettenmonitoring und Evidenz

Damit Staat und Wirtschaft gezielt Positionen gegen geoökonomische Druckmittel anderer Staaten entwickeln können und Deutschland seine strategischen Vorteile bis hin zu sogenannten Unverzichtbarkeiten besser nutzen kann, werden dringend mehr Daten und Wissen über Lieferketten und Technologien benötigt. Um zielgerichtete Maßnahmen der Wirtschaftssicherheit zu entwickeln, braucht es also Daten, Evidenz und eine verbesserte Analysefähigkeit. Andere Länder wie Großbritannien oder Österreich haben bereits datenbasierte Tools zur Überwachung und Analyse globaler Lieferketten aufgebaut. Auch das BMWE arbeitet abteilungsübergreifend an einem entsprechenden Instrument, um die komplexe Entscheidungsfindung im Bereich der Wirtschaftssicherheit zu unterstützen.

Bild zum Artikel "Auf dem Weg zur nationalen Wirtschaftssicherheitsstrategie –asymmetrische Abhängigkeiten abbauen und wirtschaftliche Resilienz stärken"

© iStock / Stefan Aue

Die nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie ändert den Blickwinkel

Vor dem Hintergrund verschärfter geopolitischer Spannungen hat die Bundesregierung entschieden, erstmals eine eigene nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie zu entwickeln. Aus bekannten geopolitischen Herausforderungen einerseits und der besonderen Struktur der deutschen Volkswirtschaft andererseits folgen vor dem Hintergrund des Ziels wirtschaftlicher Sicherheit und Resilienz neue Prioritäten und Handlungsbedarfe. Daraus ergeben sich neue Verbindungen von Politikfeldern wie der Außen- und Sicherheitspolitik sowie der Handels-, Technologie- und allgemeinen Wirtschaftspolitik oder der Energiepolitik.

Der Auftakt des Strategieprozesses: Austausch und enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

Am 2. Juni 2026 hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche andere Ministerien sowie etwa 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Wirtschaftsverbänden, Unternehmen sowie aus der Wissenschaft zu einem hochrangigen Roundtable eingeladen, um über eine nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie zu sprechen.

Die Diskussion in dieser Auftaktveranstaltung verdeutlichte, dass nationale Wirtschaftssicherheit eine Gemeinschaftsaufgabe von Staat und Wirtschaft ist – eingebettet in den Rahmen der EU-Wirtschaftssicherheitsagenda. Ministerin Reiche wies darauf hin, dass der Staat nicht alle Risiken werde absichern können. Vielmehr bedürfe es einer „gesunden“ Aufgabenteilung zwischen Staat und Wirtschaft und eines marktwirtschaftlichen Grundverständnisses, um Dynamik und Innovation auch weiterhin zu ermöglichen. Unternehmen müssten dafür in ihr geopolitisches Risikomanagement investieren.

Um eine solche funktionelle Arbeitsteilung zwischen Staat und Wirtschaft zu organisieren, soll ein dauerhafter Dialog zwischen Staat und Wirtschaft zu Themen der wirtschaftlichen Sicherheit etabliert werden. Ziel ist es, die nationale Wirtschaftssicherheitsstrategie auf Basis eines gemeinsamen ambitionierten Strategieprozesses unter Federführung des BMWE rasch zu finalisieren. Die vereinbarten Maßnahmen sollen bereits in den Jahren 2027 bis 2029 umgesetzt und so zeitnah ein spürbarer Beitrag für mehr wirtschaftliche Sicherheit in Deutschland und Europa geleistet werden.

________________

1 Industrie auf dem Weg zu wirtschaftlicher Resilienz

KONTAKT & MEHR ZUM THEMA

Referate:

VIIIB1 - Koordinierung Nationaler Sicherheitsrat; Nationale Wirtschaftssicherheit; Grundsatzfragen Energiesicherheit

VD5 - Geopolitische Analysen; europäische und internationale Wirtschaftssicherheit

schlaglichter@bmwe.bund.de