Titelbild zum Artikel "Zweites Wirtschaftspolitisches Symposium: Ein stärkeres Europa – Voraussetzungen für Wachstum und Stabilität schaffen"

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Am 14. September 2026 fand das Zweite Wirtschaftspolitische Symposium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) in der Reihe „Soziale Marktwirtschaft in Zeiten des Umbruchs“ statt. Unter dem Titel „Ein stärkeres Europa –Voraussetzungen für Wachstum und Stabilität schaffen“ diskutierte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, europäischen Institutionen und Politik darüber, wie Europa in einem veränderten geoökonomischen Umfeld wirtschaftliche Stärke, Stabilität und Resilienz sichern kann. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Orientierung die Soziale Marktwirtschaft dafür bietet.

Europa im geoökonomischen Wettbewerb

Nach kurzer Einführung durch Prof. Stefan Kolev, Leiter des Ludwig-Erhard-Forum für Wirtschaft und Gesellschaft und Mitglied im Wissenschaftlichen Beraterkreis Wirtschaftspolitik der Bundeswirtschaftsministerin, verwies Bundeswirtschaftsministerin Reiche in ihrer diesjährigen Rede zunächst auf die historischen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft: Der Freiburger Kreis um Walter Eucken, Constantin von Dietze, Adolf Lampe und Franz Böhm beschäftigte sich bereits während des Nationalsozialismus mit der Frage, wie politische und wirtschaftliche Macht begrenzt und eine freiheitliche Wirtschaftsordnung gestaltet werden kann. Ein klarer ordnungspolitischer Rahmen war für sie zentrale Voraussetzung dafür, Macht zu begrenzen und wirtschaftliche Dynamik zu ermöglichen.

Während die Ordoliberalen vor allem Kartelle, Monopole und die Vereinnahmung des Staates durch wirtschaftliche Interessen im Blick hatten, gewinnt heute die relative Macht von Staaten im geoökonomischen Kontext an Bedeutung. Die internationale Wirtschaftsordnung verändert sich grundlegend. So werden Marktzugänge, Energie und Rohstoffe, Zahlungssysteme, technische Standards, Daten und Halbleiter zunehmend als Instrumente staatlicher Macht eingesetzt. Gleichzeitig verliert Europa relativ an wirtschaftlichem Gewicht.

In ihrer Rede stellte Bundeswirtschaftsministerin Reiche deshalb wirtschaftliche Stärke nicht nur als Voraussetzung für Wohlstand, sondern auch für politische Handlungsfähigkeit und Souveränität heraus. Aus dieser Diagnose folge jedoch nicht, staatlich gelenkte Wirtschaftsmodelle anderer Weltregionen zu kopieren. Auch verlange ein starkes Europa keine immer stärkere Zentralisierung, größere gemeinsame Budgets oder noch mehr Regulierung. Entscheidend seien vielmehr verlässliche Regeln, Wettbewerb, Subsidiarität und die Fähigkeit, dort gemeinsam zu handeln, wo europäische Größe einen echten Mehrwert schaffe.

Fünf Bausteine für ein stärkeres Europa

Aus dieser ordnungspolitischen Perspektive skizzierte Bundeswirtschaftsministerin Reiche fünf Bausteine für ein wirtschaftlich stärkeres Europa.

Europa müsse erstens seine Offenheit bewahren und Abhängigkeiten durch neue und vertiefte Handels- und Rohstoffpartnerschaften verringern. Resilienz sei dabei nicht allein Aufgabe des Staates, sondern erfordere auch Eigenverantwortung der Unternehmen. Zweitens müssten Mitgliedstaaten und EU angesichts höherer Finanzierungskosten klare haushaltspolitische Prioritäten setzen und stärker privates Kapital für Investitionen mobilisieren. Drittens sah Bundesministerin Reiche insbesondere in einem vertieften Binnenmarkt und weniger Regulierung einen bedeutenden Wachstumstreiber. Viertens müsse Europa wieder stärker in den technologischen Wettbewerb eintreten und attraktiver für Fachkräfte, Investoren und Unternehmer werden. Schließlich warb sie als fünften Baustein für einen realistischen Ansatz in der Energie- und Klimapolitik, der hohe Energiekosten senkt, Genehmigungsverfahren beschleunigt und europäische Energieinfrastrukturen stärker grenzüberschreitend denkt.

Stabilität und Wachstum zusammendenken

Die beiden wissenschaftlichen und gleichzeitig politiknahen Panels vertieften diese Themen. Im ersten Panel „Macroeconomic Stability and Governance in the Euro Area“ diskutierten Prof. Dr. Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, Prof. Kristin Forbes vom Massachusetts Institute of Technology und Prof. Ricardo Reis von der London School of Economics unter der Moderation von Prof. Volker Wieland, u. a. Mitglied im Wissenschaftlichen Beraterkreis Wirtschaftspolitik der Bundeswirtschaftsministerin. Im Mittelpunkt standen die Wechselwirkungen zwischen Geldpolitik, öffentlichen Finanzen, Finanzstabilität und den strukturellen Wachstumsperspektiven Europas.

Prof. Dr. Isabel Schnabel machte deutlich, dass der Euroraum die großen wirtschaftlichen Schocks der vergangenen Jahre insgesamt bemerkenswert robust bewältigt habe. Eine entschlossene Geldpolitik trage dazu bei, die Inflation zurückzuführen, während ein stabileres Bankensystem Schocks besser absorbieren könne. Zugleich nehme jedoch der strukturelle Druck zu: Das Potenzialwachstum schwäche sich ab, die Anforderungen an die öffentlichen Haushalte stiegen und globale Schocks gewännen für die europäische Wirtschaft an Bedeutung. Geldpolitik unterstütze makroökonomische, fiskalische und finanzielle Stabilität am besten durch einen klaren Fokus auf die Sicherung von Preisstabilität.

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Prof. Kristin Forbes zeigte, dass geldpolitische Entscheidungen zunehmend von globalen statt von nationalen Schocks geprägt werden. Dies gelte insbesondere für den Euroraum. Die Schocks seien außerdem zunehmend angebotsseitig und könnten gleichzeitig die Inflation erhöhen und das Wachstum bremsen, wodurch sich die Zielkonflikte der Geldpolitik verschärften. Zugleich verkürzten sich die Reaktionszeiten in Krisen erheblich: Wenn man in früheren Krisen noch auf eine Lösungsfindung während der kommenden freien Tage an einem Wochenende setzen konnte, habe sich der Bank Run auf die Silicon Valley Bank beispielsweise innerhalb von nur 24 bis 36 Stunden vollzogen. Regierungen und Zentral-banken müssten daher zunehmend schnell und flexibel reagieren. Es gehe somit darum, politische Handlungsfähigkeit sicherzustellen. Für die Fiskalpolitik folge daraus die Notwendigkeit hinreichender fiskalischer Puffer zur Abfederung von Schocks. Für die Geldpolitik bedeute es, dass längerfristig wirksame Instrumente wie Anleihenkäufe oder forward guidance abzulehnen seien.

Prof. Ricardo Reis zeigte am Beispiel junger Unternehmen, dass erfolgreiche europäische Firmen ihren Hauptsitz deutlich häufiger in die USA verlagern als amerikanische Unter-nehmen nach Europa – und dort auch erfolgreicher waren. Wenn Europa diesen Trend aufhalten wolle, müsse es insbesondere die Binnenmarktfragmentierung abbauen. In diesem Kontext stelle sich auch die Frage, welche Folgen der technologische Wettbewerb um Künstliche Intelligenz (KI) für Europa habe. Selbst ohne technologisch aufzuholen, werde Europa über Produktivitätsgewinne und Kapitalerträge profitieren. Gleichzeitig seien die Risiken nicht auf das mögliche Platzen einer Blase beschränkt. Der KI-Boom erfordere durch die schnellen Innovationszyklen bei Chips dauerhaft so enorme Investitionen, dass er das Niveau der Zinsen für Anleihen global anheben werde. Ohne höheres Wachstum könne dies für hoch verschuldete Staaten schnell zu einer nicht nachhaltigen Situation führen.

Das zweite Panel „Strengthening EU Competitiveness in Times of Geopolitical Challenges: Growth through Innova-tion and Resilience“ richtete den Blick auf Europas Wachs-tumsperspektiven. Prof. Dr. Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Nicola Beer, Vizepräsidentin der Europäischen Investitionsbank (EIB), und Michał Baranowski, Staatssekretär im polnischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Technologie, diskutierten unter der Moderation von Prof. Dr. Veronika Grimm, u. a. Mitglied des Wissenschaftlichen Beraterkreises Wirtschaftspolitik der Bundeswirtschaftsministerin, darüber, wie Europa seine wirtschaftlichen Stärken besser nutzen, technologische Fähigkeiten entwickeln und seine Resilienz erhöhen kann.

Prof. Dr. Moritz Schularick hob insbesondere die Chancen hervor, die mit dem starken Anstieg der Verteidigungsausgaben verbunden sein können. Zusätzliche Ausgaben führten nicht automatisch zu höherer Produktivität und Innovation. Richtig ausgestaltet können insbesondere technologieorientierte Beschaffung, Forschung und Entwicklung jedoch Innovationen anstoßen. Diese könnten durch Spillover-Effekte in die zivile Wirtschaft auch dort Wachstumseffekte hervorrufen – und andersherum. Dafür müsse Europa stärker in neue Technologien investieren, Produktion skalieren und Beschaffungsverträge so gestalten, dass sie Innovation fördern. Vor allem benötige es einen echten Verteidigungsbinnenmarkt. Daneben betonte Herr Schularick, dass Deutschland auch seine eigenen Reformen durchführen müsse. Die EU habe Hausaufgaben mit Blick auf Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratieabbau. Aber einige Mitgliedstaaten wie z. B. Polen oder Dänemark zeigten mit ihren Wachstumszahlen, dass auch unter den aktuellen Rahmenbedingungen auf EU-Ebene eine andere Dynamik möglich sei.

Nicola Beer berichtete von der wichtigen Hebelfunktion durch die Kredite der EIB. Es gehe nicht nur um innovative staatliche Förderung und Beschaffung, sondern insbesondere auch um Finanzierung für Unternehmen. Die EIB sei durch ihre Kapazitäten im Bereich Forschung besser als Privatbanken in der Lage, innovative Unternehmen und Projekte zu identifizieren. Durch EIB-Kredite könne es zum Crowding-in kommen, sodass innovative Unternehmen dann auch am Kapitalmarkt Finanzierungen bekämen. Der Erfolg lasse sich mit Zahlen belegen. Über die European Tech Champions Initiative (ETCI) habe die EIB schon elf europäische Einhörner gefördert (von insgesamt 38 geförderten Scale-ups). Stärken der europäischen Wirtschaft sehe sie insbesondere im Bereich Biotech, Agrartech, Pharma, Clean Tech und industrielle KI. Entscheidend sei jedoch das private (Risiko-)Kapital für das Scale-up. Die USA mit ihrem größeren Finanzsektor seien hier wesentlich risikofreudiger.

Michał Baranowski sprach sich bezugnehmend auf die Rede von Bundesministerin Reiche für weiteren Bürokratieabbau aus. Er hob drei Punkte als Gründe für die wirtschaftlich positive Entwicklung Polens hervor: Erstens sei die Transformation in Polen in den 90er Jahren sehr schnell umgesetzt worden. Zweitens habe Polen erheblich von seiner EU-Mitgliedschaft und der Einbindung in den europäischen Binnenmarkt und europäische Lieferketten profitiert. Der Binnenmarkt wirke als wichtiger Hebel für wirtschaftliche Entwicklung. Drittens betonte er den ausgeprägten Unternehmergeist der polnischen Bevölkerung. Um dieses Potenzial besser auszuschöpfen, seien weitere Deregulierungsschritte und die Vollendung des europäischen Binnenmarkts erforderlich. Er betonte die Notwendigkeit eines Level Playing Field für einen fairen Wettbewerb, da sonst eine Deindustrialisierung drohe. Er habe nicht den Eindruck, dass alle internationalen Partner der EU verstanden hätten, dass es hier Veränderungen brauche. Weiterhin begrüßte er, dass Deutschland ebenfalls stark in die Verteidigungsindustrie und Zusammenarbeit investiere. Er betonte bezugnehmend auf den Input von Herrn Schularick die hohen Verteidigungsausgaben Polens. Diese würden auch einem großen Dual-Use-Sektor Polens zugutekommen.

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Beide Panels machten damit deutlich, dass Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit Hand in Hand gehen. Tragfähige öffentliche Finanzen und Preisstabilität schaffen Vertrauen und Handlungsspielräume. Umgekehrt erleichtern höheres Produktivitätswachstum, tiefere Kapitalmärkte und ein stärker integrierter Binnenmarkt die Finanzierung der wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen Europas. Entscheidend ist daher nicht allein, wie viele zusätzliche Mittel mobilisiert werden, sondern auch, ob die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Innovation, Investitionen und Skalierung ermöglichen.

Ein starkes Europa

Bundeswirtschaftsministerin Reiche stellte zum Abschluss noch einmal den freiheitlichen Kern der Sozialen Marktwirtschaft heraus. Sie sei kein Kompromiss zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern eine Ordnung, die politische und wirtschaftliche Freiheit mit Verantwortung verbinde. Unter den Bedingungen des globalen Systemwettbewerbs müsse eine solche Ordnung heute nicht nur die Konzentration wirtschaftlicher Macht und den Missbrauch politischer Macht im Inneren begrenzen, sondern Europa zugleich nach außen mit Blick auf das Machtgebaren anderer Staaten resilient und handlungsfähig machen.

Gerade im internationalen Systemwettbewerb gewinne dieser Gedanke an Bedeutung. Nicht nur Unternehmen konkurrierten global, sondern unser Wirtschaftsmodell insgesamt stehe in einem globalen Wettbewerb, und damit auch unsere Institutionen und Werte. Europas Antwort sollte deshalb nicht in stärkerer staatlicher Steuerung liegen, sondern darin, die eigenen Stärken weiterzuentwickeln: Offenheit, tragfähige öffentliche Finanzen, weniger Regulierung, mehr Innovation und eine realistische Energie- und Klimapolitik. Die Soziale Marktwirtschaft bleibe dabei ein Projekt der Freiheit, nicht der Kontrolle.

Der Austausch zur Sozialen Marktwirtschaft in Zeiten des Umbruchs soll im Jahr 2027 im Rahmen des 3. Wirtschaftspolitischen Symposiums fortgeführt werden.

KONTAKT & MEHR ZUM THEMA

Referat IA1 – Grundsatzfragen der Wirtschaftspolitik Referat EA1 – Grundsatzfragen Europa, Koordinierung, Weisungsgebung, EP

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Aufzeichnung des Zweiten Wirtschaftspolitischen Symposiums des BMWE

Erstes Wirtschaftspolitisches Symposium des BMWE:

„Soziale Marktwirtschaft in Zeiten des Umbruchs“