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Während geopolitische Machtverschiebungen und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz das globale Umfeld prägen, befinden sich auch Lieferketten in einem Prozess der Neuausrichtung. In diesen Zeiten des Umbruchs bedarf es mehr denn je an Orientierung, um verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln zu sichern. Unter diesem Zeichen stand am 22. September 2026 die Veranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.
Die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen sind rechtlich unverbindliche Empfehlungen von Regierungen an multinationale Unternehmen, ihr Handeln durch Schaffung interner Mechanismen und Prozesse verantwortungsvoll auszugestalten. Sie appellieren insofern an die Eigenverantwortung der Unternehmen. Seit ihrer Entstehung gelten sie als wegweisende internationale Standards für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln entlang internationaler Lieferketten. Die Leitsätze schaffen eine Grundlage für stabile Wirtschaftsbeziehungen und gemeinsame Prinzipien, die weltweit Menschenrechte, Umweltschutz und wirtschaftlichen Wohlstand stärken.
Anlässlich ihres diesjährigen Jubiläums lud das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie rund 90 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft zu einem Symposium unter dem Titel „Orientierung im Wandel“ ein. Im Fokus standen Beiträge zu den aktuellen Herausforderungen sowie Potenzialen der OECD-Leitsätze. Nach einem Grußwort des Staatssekretärs des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, Dr. Thomas Steffen, stellte die ehemalige Vorsitzende der OECD Working Party on Responsible Business Conduct, Professor Christine Kaufmann, in einem Rückblick Meilensteine bei der Entwicklung der OECD-Leitsätze vor. Dr. Felix Klein, der neue Botschafter und Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der OECD, würdigte in einem Grußwort den Stellenwert der Leitsätze in der deutschen OECD-Politik.
Die anschließenden Podiumsdiskussionen wurden durch Impulse von Prof. Lisandra Flach (ifo Zentrum für Außenwirtschaft) und Dr. Isabel Ebert (United Nations Human Rights) eingeleitet.
In der ersten Podiumsdiskussion zum Thema „Die OECD-Leitsätze und die geopolitische Zeitenwende“, moderiert von Lissa Bettzieche (Deutsches Institut für Menschenrechte), erörterten Prof. Lisandra Flach, Prof. Julia Schwarzkopf (Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin), Andrea Hafner (BMW Group), Nareeluc Pairchaiyapoom (Justizministerium des Königreichs Thailand) und Berthold Welling (Verband der Chemischen Industrie e. V.) Möglichkeiten und Grenzen verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns in der aktuellen geopolitischen Krisensituation.
In der zweiten Diskussion, die sich mit „Chancen, Risiken und Rechten von KI in globalen Wertschöpfungsketten“ befasste und von Prof. Frank Ebinger (TH Nürnberg) moderiert wurde, besprachen Dr. Isabel Ebert (United Nations Human Rights), Barbara Bijelic (OECD), Jens Redmer (Google AI Center Berlin), Dr. Philipp Räther (Allianz SE) und Dr. Christina Schildmann (Hans-Böckler-Stiftung) die Rolle der OECD-Leitsätze angesichts der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz. Die Gesamtmoderation der Veranstaltung übernahm Dr. Nicola Brandt, Leiterin des OECD Centre Berlin.
Die OECD-Leitsätze zwischen Wettbewerb und kooperativen Prinzipien
Ein zentrales Thema der Beiträge des Symposiums war die Frage, wie verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln und Wettbewerbsfähigkeit miteinander vereinbar sind. Als Herausforderung bei der Umsetzung gesetzlicher Sorgfaltspflichten nannten Beiträge aus Wissenschaft und Wirtschaft neben bürokratischen Lasten insbesondere die Zersplitterung von Regelungen für global agierende Unternehmen auf Länder- oder Regionalebene. Als freiwillige Standards mit globaler Reichweite könnten die OECD-Leitsätze Unternehmen in diesem komplizierten Regelungsgefüge wertvolle Orientierung geben. Auch für die KI- Branche, in der die Fragmentierung gesetzlicher Regelungen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit auslöst, stellten die Leitsätze als international anerkanntes Instrument mit ihrem länderübergreifenden Ansatz eine wichtige Stütze dar. Zudem betonten die Panelistinnen und Panelisten in vielen Wortmeldungen den Wettbewerbsvorteil, der sich gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen aus der Umsetzung der Leitsätze wie auch gesetzlicher Sorgfaltspflichten ergebe. Die hierfür erforderliche Transparenz der Lieferketten ermögliche es Unternehmen, Schwachstellen in Krisenmomenten frühzeitig zu erkennen und ihre Widerstandsfähigkeit zu verbessern.
Wie die Podiumsteilnehmer darlegten, spiegelt sich das grundlegende Prinzip der OECD-Leitsätze, konsequent alle Interessengruppen einzubinden, in guten Beziehungen zu allen Stakeholdern wider. Auch das System der Nationalen Kontaktstellen mit ihrem Beschwerdemechanismus beruht auf dem Prinzip gemeinsamer Lösungen durch Dialog und der Schaffung von Vertrauen. Aus Sicht der Unternehmen ist das in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten ein Vorteil.
Die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen: Ein "Living Instrument"
Vertreterinnen und Vertreter der KI-Branche betonten außerdem, wie entscheidend beim Einsatz von KI in Unternehmen das Vertrauen von Kundinnen und Mitarbeitern sei, um das Potenzial der Technologie voll auszuschöpfen. Ein Mangel an Vertrauen und die daraus resultierende fehlende Anwendung der Werkzeuge könnten insofern ein klarer Wettbewerbsnachteil sein. Stimmen aus der Wissenschaft und internationaler Organisationen wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die OECD-Leitsätze eine verlässliche Grundlage für Regelungen bildeten, die das notwendige Vertrauen schaffen könnten. Gleichzeitig bremsten sie Innovation nicht aus, da ihr Fokus auf Due-Diligence-Prozessen und -Systemen liegt, also auf dem „Wie“ der Schaffung von Mechanismen verantwortlichen unternehmerischen Handelns. Die OECD hat mit der auf den OECD-Leitsätzen basierenden Due Diligence Guidance on Responsible AI zuletzt einen Leitfaden für die verantwortungsvolle Nutzung von KI veröffentlicht und die Leitsätze damit in einem entscheidenden Zukunftsbereich verankert, der Unternehmen eine gemeinsame Wertebasis an die Hand gibt.
Gemeinsam die Zukunft gestalten
Die Beiträge des Symposiums und die vielschichtigen Podiumsdiskussionen verdeutlichten, dass die Leitsätze der OECD weiterhin ein wichtiges Instrument sind, um Innovation und Wettbewerb auf der Basis von Vertrauen und Kooperation zu fördern. Ihre Stärke liegt dabei in ihrer Anpassungsfähigkeit, da auch die Leitsätze als Orientierungsmaßstab in ständigem Wandel begriffen sind.
Das Symposium wurde durch eine Vernissage von Werken junger Künstlerinnen und Künstler begleitet, die im Rahmen des Wettbewerbs der Europäischen Bewegung Deutschland unter dem Titel „Dein Europa: Recht, Respekt – Realität?!“ entstanden. Zum Abschluss der Veranstaltung gaben die Jugendlichen Einblicke in ihre kreativen Prozesse, in denen sie ihre Gedanken zu den Menschenrechten in Europa eindrucksvoll verarbeiteten. Damit setzten sie einen wertvollen Akzent zu den intensiven Diskussionen und Eindrücken des Nachmittags.
Unternehmerische Sorgfaltspflicht - auch „Due Diligence"
Unternehmerische Sorgfaltspflicht oder „Due Diligence“ beschreibt die Verantwortung von Unternehmen, negative Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit entlang ihrer Lieferketten zu minimieren. Unternehmen sollen ihre Geschäftspartner systematisch auf Risiken wie zum Beispiel Menschenrechtsverletzungen prüfen, um diese zu verhindern und bei Bedarf Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Die OECDLeitlinien für multinationale Unternehmen haben allerdings lediglich einen empfehlenden und keinen rechtlich verbindlichen Charakter.
KONTAKT & MEHR ZUM THEMA
Referat VB6-NKS – Unternehmerische Sorgfaltspflichten,
Nationale Kontaktstelle OECD-Leitsätze schlaglichter@bmwe.bund.de