Nach erfolgreichem Abschluss des wissenschaftlichen Beteiligungsprozesses zur Potenzialschätzung (die März-Ausgabe 2025 der Schlaglichter berichtete) setzt das Bundeswirtschaftsministerium auch in der 21. Legislaturperiode den fachlichen Austausch mit der Wissenschaft fort. Auf einem wissenschaftlichen Workshop am 1. Juli 2025 mit insgesamt über 50 Teilnehmenden vor Ort und im virtuellen Raum standen Methoden zur Bestimmung der längerfristigen Produktivitätsentwicklung sowie die Modellierung der gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Energietransformation und Klimawandelfolgen im Mittelpunkt.
Ablauf des wissenschaftlichen Workshops des BMWE zur Potenzialschätzung am 1. Juli 2025
Themenblock 1: Längerfristige Produktivitätsentwicklung
- Potenzialschätzung in der langen Frist
Veronika Püschel (Sachverständigenrat Wirtschaft) - TFP in EUCAM: One size fits all/additive growth
Jens Boysen-Hogrefe (IfW Kiel) - Determinanten der TFP Fortschreibung
Torsten Schmidt (RWI Essen) - Überblick Produktivität in Deutschland und EU
Isabell Koske (OECD) - Maße der Innovation
Hanna Hottenrott (ZEW)
Themenblock 2: Gesamtwirtschaftliche Folgen der Energietransformation und des Klimawandels
- Energieeffizienzgewinne: Folgen für CO2-Emissionen und Wirtschaftsleistung in Deutschland
Anika Martin (Deutsche Bundesbank)
Ko-Referat Geraldine Dany-Knedlik (DIW Berlin)] - Impulsvorträge: Klimawandelkosten
Leonie Wenz (PIK)
Christian Lutz (GWS)
Moritz Drupp (ETH Zürich)
Der erste Themenblock drehte sich um eine entscheidende, jedoch in der Praxis nur schwer zu projizierende Größe zukünftigen Wirtschaftswachstums: die „Totale Faktorproduktivität“ (TFP). In einigen jüngeren Arbeiten wird die bisher gängige Annahme eines exponentiellen Wachstums der TFP für entwickelte Industriestaaten infrage gestellt. Der alternativ vorgeschlagene lineare TFP-Trend impliziert, von einem langfristig erheblich schwächeren Potenzialwachstum auszugehen. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmenden auch strukturelle Determinanten der TFP - wie Innovation und Humankapital – , geeignete Datengrundlagen und beleuchteten Indikatoren sowie Möglichkeiten und Limitationen, diese direkt in die Schätzmodelle zu integrieren.
Die ökonomischen Kosten der Energiewende und des Klimawandels standen im Zentrum des zweiten Themenblocks. Eingangs zeigte eine Analyse, dass Energieeffizienzgewinne die dämpfenden Effekte einer CO2-Bepreisung deutlich abfedern können, und unterstrich damit die Bedeutung technologischer Fortschritte für eine erfolgreiche Transformation. Weitere Vorträge zu den gesamtwirtschaftlichen Kosten des Klimawandels dokumentierten eine zunächst große Spannweite an Ergebnissen und beleuchteten anschließend mögliche Gründe hierfür. So leitete ein globaler, klimaökonometrischer Ansatz aus historischen, regionalen Wetter- und Wirtschaftsdaten hohe, langanhaltende Schäden ab. Für Deutschland wiederum zeigte eine alternative makroökonometrische Berechnung beschränkt auf Schäden von Extremwetterereignissen, dass hierzulande von beträchtlichen zusätzlichen Kosten des weiter voranschreitenden Klimawandels auszugehen ist. Im Vergleich zu den Gesamtschäden des ersten Ansatzes fallen diese zusätzlichen Kosten geringer aus. Eine dritte Perspektive konzentrierte sich schließlich mittels Meta-Analysen auf die sozialen CO2-Kosten und legte dar, dass diese in vielen Arbeiten tendenziell unterschätzt werden könnten.
Der Workshop machte in der Gesamtschau deutlich, welche Herausforderungen mit langfristigen Projektionen verbunden sind, und welche wissenschaftlichen Ansätze zu deren Bewältigung aktuell verfolgt werden.